«Denken ist bereits Plastik»

1992 erschien ein Buch namens Schreiben als Plastik. Die Autorin Louwrien Wijers gab darin ein Gespräch wieder, das sie mit Joseph Beuys führte. Er vertrat die Überzeugung, dass sich durch die Plastische Theorie alles in der Welt gestalten und zum Guten hin verändern lasse. In diesem Zusammenhang war für ihn das Denken selbst bereits ein plastischer Vorgang.

Ein Jahr vor Erscheinen dieses etwas wirren, quirligen Buchs – ich kann bis heute in keiner Weise feststellen, wie die Autorin denkt, irgendwie gehen die Gedanken bei dieser Holländerin überall gleichzeitig um mehrere Ecken – gab es in der Stadt Langen im Alten Rathaus eine Ausstellung mit Zeichnungen von Beuys aus der Sammlung van der Grinten. Gut möglich, dass Beuys selbst der Namensgeber der Ausstellung war, jedenfalls hieß sie: «Denken ist bereits Plastik». – So weit war die Menschheit damals! Wow! Das Denken wurde als welttransformierendes Geschehen aufgefasst und mit Qualitäten plastischer Gestaltungsenergie versehen.

Beuys war es allerdings auch, der einmal lapidar meinte, Plastik sei dasjenige, über das man stolpert, wenn man im Museum über etwas drüberfällt, das unaufgeräumt in der Gegend rumliegt. Sinngemäß sagte er es so, das wörtliche Zitat zu suchen fällt mir jetzt nicht ein, lohnt sich nicht, würde ich sagen.

Denken als Plastik, als sozialgestalterischer Stolperstein. Super. Ist aber Geschichte, Vergangenheit. Heute ist das anders. Heute hat uns das Denken an den Punkt gekommen, wo es nicht mehr plastische Gestaltungskraft annimmt, sondern überall Plastik zwischen uns aufstellt. Unser Denken ist nicht Plastik, es produziert ihn. Massenweise. In jedem Laden zwischen Verkäuferlinie und Kundenlinie diese meterlangen Wände aus Plastik. Die einen spucken von der einen, die anderen von der anderen Seite dageben. Denken als Plastik, nicht nur in den Läden, auch beim Geld. Wir seien bessere Menschen, lesen wir überall an den Geldzahlstellen, an der Tankstelle, im Supermarkt, am kleinen Kiosk um die Ecke, wir seien bessere, weil hygienischere Menschen, wenn wir nicht mit kontaminiertem Papiergeld oder gar diesen schmuddeligen Münzen bezahlen, sondern mit unseren Kreditkarten aus Plastik.

Denken ist zu Plastik geronnen, noch bevor es seine plastische Energie entfaltet hat. Seine transformative Kraft, von der keiner so begeistert redete wie einst Joseph Beuys, verwandelt unsere Lebenswelt mehr und mehr und immer endgültiger in Plastik.

Heute war ich unterwegs in die Stadtbibliothek. Da fiel mir ein, dass ich dort einer Maske bedürfe. Deshalb hielt ich unterwegs kurz an, ging in den großen Rossmann beim Bebelplatz, um mir eine Packung Masken zu kaufen. Schon fast darauf konditioniert, dass ich die Masken schnell finden sollte, damit keine Scherereien entstehen, suchte ich blitzschnell die Regale nach einer Packung Masken oder Einzelmasken ab, egal was sie hätten, Hauptache ich hatte bald eine. Da stand sie schon vor mir, eine etwa achtzehnjährige Verkäuferin. Ich sah hinter ihrer Maske ihren wutschnaubenden Mund. Sie schrie mich an, ich dürfe hier gar nicht stehen, niemand dürfe ohne Maske in diesem Ladengeschäft stehen. Ich stand aber da und wollte die Absicht erklären, weshalb ich hier stand. Sie attackierte mich mit einer solchen Heftigkeit, dass neben uns eine Stimme erklang, die ihrer lauten Stimme durchaus gewachsen war. «Die DDR lässt grüßen», sagte sie laut und durchaus ähnlich aggressiv wie die Stimme junge Verkäuferin.

Denken? Plastik? Helge Schneider hat sich aus dem Schlamassel, das uns an jeder Straßenecke wie das Absurde aus den Büchern von Camus anspringt und in Läden, wo wir ohne Maske stehen und eine Maske kaufen wollen, die Sprache verschlägt, zurückgezogen. Wie ist das mit Beuys?! Was würde er tun, wenn er heute leben würde. Diese Frage habe ich mir oft gestellt und fand immer wieder supergute Antworten. Wenn ich mich jetzt aber ganz konkret frage, was er heute machen würde, wie er mit der Maskenpflicht umgehen, sich von einer Verkäuferin so anschreien und wie er durch das Leben, durch einen Supermarkt gehen würde, merke ich, wie mir die Ideen abhanden kommen. Also ist auch mein Denken auf der Müllhalde angekommen, wo haufenweise Plastik liegt…

Stülpt dem Denken einen Plastiksack über, und die Wärmeskulptur einer im Anthropozän zu sich selbst erwachten Menschheit wird im Keim ersticken.

Das will doch niemand, sagt zuversichtlich