Denkkunst

Wir müssen dafür sorgen, dass wir zu Kunstwerken werden. Das müssen wir selber tun. Genauer: Du musst dafür sorgen, dass du ein Kunstwerk wirst. Noch genauer: Ich muss dafür sorgen, dass ich ein Kunstwerk werde.

Sein und Werden fallen dabei ineinander, ich bin schon ein Kunstwerk und werde erst eins. Ein Kunstwerk bin ich, weil ich durch Organe zum Leben tauge, die in ihrer Kompliziertheit mit die erstaunlichsten Erscheinungen im Universum sind. Zusätzlich dazu durchpulst mich mein Seelengeschehen, das ebenfalls zu äußerstem Erstaunen bewegt.

Ein Kunstwerk werde ich durch die Gedankenzusammenhänge, in die ich mich stelle. Sie sind nicht gegeben, sondern aufgegeben. Beim Denken kommt das Werden ins Spiel. Mein Denken ist nicht, es wird erst Kunst. Das zu erreichen ist schwer, ja schon das Hinstreben zu dieser Kunst ist schwer. Jeder Moment, wo nicht dieses Ziel der Motor meines Denkens ist, bedeutet den Rückfall in gewohnte Denkgebiete. Diese sind nicht von der Kunst, sondern von Routine, Unvermögen, Redundanz durchwirkt. Sie sind von so extrem negativer Dynamik, dass sie wie ein gestrandeter Öltanker die Fauna und Flora am Strand, wie ein riesiges Buschfeuer das Leben an Land zerstören. Weil wir in diesen Denkgebieten herumnavigieren wie Schiffskapitäne auf verwalteten Ozeanen, verdrängen wir die Seefahrt in uns, die uns zu neuen Zielen bringt.

Bei der Denkkunst steht mein Menschsein auf dem Prüfstand. Der TÜV dafür ist meine dauernde Verbindung mit meinen Fragen, die ich an mich und die Zukunft habe. Mit meinen Fragen in See zu stechen und dabei vor der Gestalt der Erde als vor einem Rätsel stehen, das ist die Befindlichkeit, in die ich mich hineinbegeben muss-will-darf, wenn ich mein Denken zur Kunst erheben will-soll-kann.

Jedesmal zu Beginn eines neuen Kalenderjahres ist diese Möglichkeit ein bisschen nähergerückt. Bleiben wir dran, auch wenn das Jahr fortschreitet.

Herzlich