Der 8. Mai


Diesen Tag als Feiertag in Deutschland auszurichten ist eine Vorstellung, bei der es in meinem Kopf summt. Dies nicht deshalb, weil dadurch irgendein Grund zu feiern festgesetzt würde, sondern einfach deshalb, weil sich dann mehr Menschen, auch öffentlich bedeutende Menschen, mehr Mühe machen müssten, über den Zweiten Weltkrieg und die Rolle der deutschen Machtpolitik und Vernichtungsbesessenheit nicht nur nachzudenken, sondern auch die eine oder andere Rede vorzubereiten und dann auch öffentlich zu halten.


Wenn ich zur Zeit beobachte, wie in diesem Land mit der sogenannten Führungsrolle in Europa – als ob so leicht zu sagen wäre, was da Führung ausmacht, wie eine solche zu messen wäre und was es neben dieser Rolle noch für andere Rollen geben möge – ein Umgang gesucht wird, komme ich erneut auf den Gedanken, dass der besondere welthistorische Termin des 8. Mai, zum Feiertag ausgerufen, eine kathartische Wirkung nach sich ziehen würde.


Und eine solche Wirkung braucht die Welt, brauchen die Menschen, brauchen die Kontinente, ihre Völker und Volksvertreter, ich meine alle und all die einzelnen, auf irgendeine Nation festgelegten Menschen, die zur Zeit erleben, wie ihre Repräsentanten und Oberhäupter auf der nationalpolitischen Bühne alles tun, ihnen erstens die Sicherheit der individuellen Staatsangehörigkeit mit allen damit verbundenen positiven Formen besonderer Zuwendung zu geben (beispielsweise die Rückholung von Bürgern aus irgendwelchen entfernten Weltgegenden ins eigene Land mit Flugzeugen, nicht unbedingt weil die medizinische Versorgung zu Hause besser wäre als anderswo, manchmal ja manchmal nein, aber nicht entscheidend, sondern einfach deshalb, weil man sich in der Not zu Hause am sichersten fühlt, auch wenn sich diese Zu-Hause inzwischen überaus ähnlich geworden sind) und zweitens global dafür mitzusorgen, dass die Menschheit nicht einer Pandemie erliegt, sondern ihre Wege gehen kann, wenn vielleicht fortan auch etwas andere als die bisherigen Wege…


Auf wie vielen Ebenen sind wir doch eingebunden in die großen Zusammenhänge. Mit diesem ‚Wir‘ meine ich nur uns Menschen. Seit wenigen Tagen sind die Mauersegler in Kassel zurück. Der Tag ihrer Rückkehr ist für mich jedes Jahr ein ganz besonderer Feiertag. Und die Mauersegler, die jetzt wieder mit ihrem frohen und frechen „Srriehh“ schreiend und knapp zwischen den Häusergiebeln hindurchflitzen, geben uns Kunde von den Möglichkeiten globaler Vernetzung, die weit über das hinausgeht, was wir Menschen hinbekommen. Sie, die jetzt den gereinigten, vernehmlich stillen, hohen und nach Mineralwasserluft duftenden Himmel durchschießen und gegen Abend im Sog der Atmosphäre verschwinden und hoch über den Landschaften, in deren Häusern wir schlafen, im unruhigen Segelflug die Nacht verbringen, waren vielleicht vor einigen Tagen noch im Gazastreifen oder in einem Kriegsland in Afrika. Und jetzt sind sie hier bei uns und winken mit ihren aufgeregten langgebogenen Flügeln Versöhnung.