Der Obelisk in Kassel ist Geschichte

Der Obelisk von Olu Oguibe in Kassel ist Geschichte. In der Stadt gibt es seither einen Schildbürgerstreich mehr. Kassel ist seinem Ruf, sich mit Entscheidungen um documenta-Kunstwerke schwer zu tun, wieder einmal bis zur Lächerlichkeit gefolgt. Was war das mit dem Abbau des Obelisken unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den frühen Morgenstunden des 3. Oktober? Ist das ein Bild für unsere gesamtdeutschen Zustände, heruntergebrochen auf die Ebene hyperprovinzieller Kommunalpolitik? Und ich, der ich für den Verbleib des Obelisken an seinem bisherigen Standort demonstriert habe, gehöre ich neuerdings zu einer gefährlichen Randgruppe, die mundtot gemacht werden musste? Oder ist die Art, wie dieses Stück senkrechte Kunst mitten in der Stadt flachgelegt wurde, der Beweis für den Aufstieg der AfD, die inzwischen auch in Kassel den Diskurs bestimmt?

Ich merke, dass mich alle diese Fragen nur begrenzt berühren. Ich habe andere, zum Beispiel die: Warum haben sich in meiner Wahrnehmung die Verhandlungen um den Obelisken durchwegs so unangenehm angefühlt? Ausweglos? Verkorkst? Verlogen von Anfang an? In der Abfolge der Ereignisse abstoßend, im Stil der Verhandlungen antiquiert? Worum ging es eigentlich? Um Politik? Bibelzitate? Geld? – Erst wollte Oguibe eine Million, dann hat er sich mit der Hälfte begnügt. Und als klar wurde, dass das Spendenbarometer bei gut hunderttausend Euro zum Stillstand kam, wäre er anscheinend mit einem Zehntel des ursprünglichen Preises zufrieden gewesen. Gestaltet sich so die Preispolitik in der Kunst? Waltet da die Willkür? War das Poker? Dummheit? Verzweiflung?

Wie auch immer, seit dem Tag der Deutschen Einheit ist auf dem Königsplatz fertig lustig mit Bibelexegese. Die Spender bekommen ihr Geld zurück. Oguibe nimmt aus der ganzen Affäre, immerhin, den Arnold Bode Preis der documenta 14 mit.

Für Viele war und ist das alles viel zu abstrakt. Die meisten Geflüchteten übrigens, die in Kassel umherlaufen, haben sowieso andere Interessen. Die allermeisten Einheimischen selbstverständlich genauso. Was sie alle wirklich schätzen, ist der Einkaufstempel neben dem weggebaggerten Obeliksen. Dieser stadtzentrale Konsumtempel leuchtet weiterhin in seinem Glanz, während das geschleifte Kunstwerk, das vor seinem Haupteingang stand, nun auf einem Bauhof am Stadtrand vergammelt. Lassen wir uns vom City-Point, so heißt das Einkaufszentrum, verführen wie bisher, gerade jetzt, wo das Wetter unfreundlicher wird. Es ist alles ok, auch auf dem Königsplatz. Auf den schicken Sitzgelegenheiten neben den durchsichtigen Geländern und den martialischen Rolltreppen ist für alle Platz genug. Immer schon. Weiterhin. Gut, dass dieses Menschen und Völker verbindenden Gebäude nicht auf dem Index steht, obwohl manche es so schön finden, als wäre es ein Kunstwerk.

Selbstverständlich gibt es Grund, dass man sich über den Kleingeist der Entscheidungsträger ärgern könnte, über ihre hinterhältigen Aggressionen und ihre Machtpolitik. Für mich jedoch verdichtet sich das Ganze – und das ist das Thema, das in die Zukunft weist – zur Frage, was Kunst zur gesellschaftlichen Transformation beitragen kann?! Bei dieser Frage verschiebt sich der Fokus vom Obelisken Oguibes in die Vergangenheit und findet Halt in der so extrem zukünftigen Aktion 7000 Eichen. Joseph Beuys hat Vieles, ja vermutlich alles anders gemacht als es arrivierte Künstler seiner Zeit taten und Künstler heute immer noch tun. Er hat es besser gemacht. Für sein gigantisches Kunstwerk verlangte er kein Geld, nein, er organisierte dieses vielmehr, damit er den Kasselern und Kasselerinnen dann das Ganze schenken konnte. Beuys schenkte Leben, Lebendigkeit, Gedankenzusammenhänge, Biodiversität. Ganz real.

Als die Stadtverantwortlichen Beuys nach Bekanntwerden seiner Idee mitteilten, dass sie ihm sechzig und ein paar zerquetschte Pflanzorte anbieten könnten, brach er in halkyonisches Gelächter aus und sagte: «Ok, wenn ihr die Bäume nicht haben wollt, dann pflanze ich sie eben in Göttingen.» Als er von der Stadtverwaltung politischen Gegenwind bekam, schickte er nicht etwa seinen Galeristen ins Gefecht (einen solchen gab es gar nicht), sondern Beuys machte die Missstände in der Stadt zum Spielball seiner politisch-künstlerischen Aktionen und er spielte so lange, bis die 7000 Pflanzstellen gefunden und bewilligt waren.

Dass von den Kasseler Stadtversammelten Schildbürgerstreiche zu erwarten seien, ist inzwischen eine Binsenwahrheit. Wie beim Obelisken, gab sich die Versammlung auch im Fall der Aktion 7000 Eichen Mühe, durch Dummheit aufzufallen. Die Stadtverordnetenversammlung ist das oberste Organ der Stadt. Ihre Mitglieder wechseln alle 5 Jahre, ihre positiven Fähigkeiten anscheinend nicht. Oguibes Galerist ist an der Borniertheit dieser Versammlung gescheitert, Beuys lavierte sein Kunstwerk seinerzeit am Widerstand der Verordneten vorbei.

Übrigens wollten damals unzählige Stadtverodnete die Pflanzaktion von Beuys mit dem starken Arm der Politik niederdrücken, und dies sogar noch, als sie längst erfolgreich ingang gekommen war. Als diese Aktion 1985 mehr als zur Hälfte abgeschlossen war und in Kassels Straßen unübersehbare Ausmaße annahm, sollte Beuys für dieses Werk den Wappenring der Stadt Kassel als Anerkennung erhalten. Diese Auszeichnung wird für besondere kulturelle Leistungen in der Stadt vergeben. Und wieder gab es Einwände. Ein Stadtverordneter meinte: «Wer verleiht schon einem Marathonläufer in der Mitte seines Laufes den Lorbeerkranz? Unumstrittener Sieger ist man erst am Ziel!» Beuys erhielt keinen Wappenring.

Das Ziel erreichte er trotzdem. Beuys wusste, wie lange sein Atem reichte. Seine anläßlich der documenta 7 gepflanzten Bäume mit den siebentausend Basaltsteinen haben in der Zwischenzeit weltweite Bedeutung und Akzeptanz erlangt. Das oberste Organ der Stadt Kassel, das sich dagegen ignorant und selbstverliebt zur Wehr setzte, rennt der Anerkennung bis heute vergeblich hinterher.

Beuys ein nachahmenswertes Beispiel also? Das wäre ein Missverständnis. Joseph Beuys hat in Kassel gezeigt, wie große Kunst den Weg in die Öffentlichkeit findet, das schon. Doch ihm deshalb nacheifern zu wollen kann nicht die Empfehlung sein. Gerade mit dem Projekt 7000 Eichen hat dieser Mensch in einem solchen Umfang Raubbau an seinen Ressourcen getrieben, dass er, wie der Läufer im alten Marathon übrigens auch, zu früh aus dem Leben schied.