Der Sound des Neuen

Es ist ja nicht so, dass man am Himmel zur Zeit nichts hören würde. Das Gegenteil ist der Fall. Ein ruhiger Himmel erklingt über uns. Er hat Farben wie lange nicht mehr, er riecht erhaben, wie frische Leinenwäsche in einem lauen Wind, er hat eine die Sinne betörende, das Herz erweitende Überwölbung. Eine alte Nachbarin sagte kürzlich, an einen solchen Himmel könne sie sich nur aus den Jahren unmittelbar nach dem Krieg erinnern.

Und ich erinnere mich an Andrej aus Krieg und Frieden von Tolstoj. Andrej bleibt schwer verletzt auf dem Schlachtfeld liegen, Gesicht nach oben. Und der Himmel wölbt und wölbt sich über ihm und erfüllt ihn an der Todesschwelle mit Einsichten, denen er sein Leben lang nachjagte. Oder Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil, auch Törleß noch jung, jünger sogar als Andrej, liegt auf dem Rücken im Gras und seine Seele hebt sich in den hohen Himmel von der Erde weg. 

Längst vor ‚Corona‘ war ein Begriff in Umlauf, der von einer Wende sprache. Vorerst wurde versucht, ihn lokal zu begrenzen. Er kam aus Schweden, von dort stammt ja wohl auch dieses ewige Mädchen Greta Thunberg. Soll der Begriff doch bitte auf dieses Land und diese junge Frau begrenzt bleiben, mochte sich mancher flugtüchtige Zeitgenosse gedacht haben. Gemeint ist die ‚Flugscham‘. Als sich der Begriff dann noch auf die ‚Autoscham‘ ausweitete, sah man hierzulande den Beelzebub auferstehen und machte gegen diese Verballhornungen unserer Zivilgesellschaft mobil.

Was diese Begriffe nicht schafften, gelang dem Begriff ‚Corona‘ mit Leichtigkeit. Seit seinem Machtantritt bleibt es nicht mehr länger bei philosophischer Begriffsjonglage. Der Himmel ist seit einigen Wochen wieder hoch und heilig und seelenvoll, weil flugzeugleer. Die Regenbögen verzaubern uns mit ungeahnten Farben, die Sommerluft unter dem freien Himmel kündigt sich an, ungestüm und unberechenbar. Heute, am letzten Tag der Eisheiligen, ist es besonders kalt, für manche Pflanzen leider bitter bis todlich kalt, doch der Himmel ist ein dauernd sich neu gestaltendes Ereignis von raffaelischer Schönheit.

Bevor ich nun von Madonnen anfange, verlasse ich den Schreibtisch und gehe nach draußen, der heutige besondere Morgen ruft mich mit seinen ständig ändernden Lichtverhältnissen am Himmel zu sich hinaus.