«Der soziale Code steht auf dem Spiel»

Was mag er gemeint haben, als er einem Freund, der über die Folgen dieser das Soziale auf ein Minimum reduzierenden Maßnahmen rumwitzelte, wütend entgegnete: «Mann, kriegst Du überhaupt mit, was zur Zeit gerade mal so läuft?! Der soziale Code steht auf dem Spiel. Ist Dir das überhaupt klar?! Anscheinend nicht, sonst würdest Du keine dummen Witze darüber machen.»

Ist es das Hupen eines Autos, das sofort und laut einsetzt und nicht mehr aufhört, wenn vor diesem Auto ein anderes Auto hält, um jemanden aussteigen zu lassen? Ist es, wie zur Zeit wegen des hier in Kassel seit zwei Tagen in Masse herumliegenden Schnees, durch den enge, manchmal knietiefe Gehwege führen, auf denen man bei Gegenverkehr aneinander vorbei muss, und die Begegnung endet wiederholt mit dem Gefühl, als wollte Dich jemand mit dem Gewehr wegpusten, weil man sich arrangieren muss, wer kurz stehen bleibt und seinen Schuh in den Tiefschnee setzt und wer vorbeigeht, ist es das, was er meinte? Oder meinte er die Person im Supermarkt, deren Artikel längst an der Kasse vorbeigefahren sind und zum Einpacken bereitliegen, während diese Person mit dem Kassierer abrechnet und dabei meine Sachen auf Förderband, die sich der Kasse nähern, wehement mit großer Armbewegung und mit Wut im Gesicht in meine Richtung zurückschiebt und mich anfaucht, ich sei zu nah? 

Der soziale Code? Dieser Code sei in Rückbildung, schrie er fast in die Richtung seines Freundes? Wer hat ihn gebildet, diesen Code, wer hat ihn geknackt? Unsere Eltern, die Großeltern? Waren die sozialfähiger als wir? 

Viele Fragen und eine Antwort, nämlich die: Wir täten gut daran, uns um Freundlichkeit zu kümmern. Ich sollte nicht länger mit der Situation hadern, wenn ich gerade jemanden auf der Straße oder im Laden freundlich gegrüßt habe und weder einen Gegengruß noch ein Lächeln, ja nicht mal einen Blick bekomme, im Gegenteil. Einfach nochmals versuchen. Das ist die Devise. Immer wieder von Neuem probieren. Sozusagen die andere Backe hinhalten.

Wir sind gerade in einer Zeit der kleinen Einsätze mit großer Wirkung. Sie gelten wie nie zuvor und sind wichtig, meine kleinen Einsätze. Lächeln, als wäre ich der Dalai Lama. Besser gesagt, wenn der soziale Code in Rückbildung begriffen sein soll – das ist vielleicht einer der Hauptschäden, der noch lange bestehen bleiben wird, wenn unsere gegenwärtigen Krise längst vergessen sein wird –, musst Du die anfangen zu verschenken, damit der soziale Code in Umlauf bleibt. Dein Lächeln kostet Dich rein gar nichts außer ein bisschen Verzicht auf Eitelkeit. Es ist nicht schlimm, wenn etwas gratis ist. Geschäftsleute sagen oft, was etwas wert ist, muss etwas kosten. Die Natur ist auch gratis und was wären wir ohne sie, ohne ihre Geschenke. Nicht einmal Atmen könnten wir, würde sich die Natur nicht dauernd an uns verschenken. Also verschenk Dein Lächeln, es ist der Schlüssel zum sozialen Code.

Grüße und ein Lächeln,