‹Verschwörungsnarrativ–Wirrwarr›

Ein ‹Narrativ› (vom lateinischen narrare, erzählen) ist eine Darstellung, die benutzt wird, um einer Gesellschaft ihr Sozialverhalten aufzuerlegen. Das Narrativ der Französischen Revolution lautete «Liberté, Égalité, Fraternité» (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). – Dass sich das Individuum aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit langsam befreie, war das Narrativ des Philosophen Immanuel Kant. Die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär ist das Narrativ der US-Amerikaner. Mein Narrativ ist das Glück des Verzichts.

Seit gut zwanzig Jahren haben Narrative Einfluss  auf die Art genommen, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Hinter einem Narrativ lauert die Ethik, also ein Wertekanon, und es lauern Seelenabgründe, nämlich Gefühle oder Emotionen. Ein Narrativ unterliegt dem zeitlichen Wandel, doch weil es gute und schlechte Narrative gibt und jeder, der ein Narrativ in Umlauf bringt, seine Story für die wichtigste, wahrste, beste hält, kämpfen Narrative verbissen um ihren Bestand. Jedes Narrativ hat den Anspruch sinnstiftend zu sein. Um diesem Anspruch nachzukommen, trägt es mitunter dick auf und versucht zu verführen – oder einzuschüchtern. Das Bild des Millionärs, der einmal Tellerwäscher war, hat etwas Verführerisches, vor allem für Amerikaner. Das Narrativ der Französischen Revolution hat etwas Beklemmendes, wie ein Blick auf die Geschichte dieser Revolution offenbart, die alles andere war als die Geschichte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Es gibt freilassende Narrative, die unsere Kreativität und Lebendigkeit steigern, etwa die Erzählungen von Tolstoi oder diejenigen aus tausend und einer Nacht, zumindest finde ich das so. Es gibt Narrative, die Angst machen, unsere Gedanken besetzen und Kurzschlusshandlungen nach sich ziehen, dazu kommt mir Mutti Angela Merkel in den Sinn.

Und dann gibt es die Verschwörungsnarrative, uhh, die beißen sich gegenseitig in die Waden und werden von den Erzählern dauernd umformuliert, damit sie von einer anderen Seite neu angreifen können. Das Gute daran ist, dass sowohl die, die  ein Verschwörungsnarrativ verbreiten als auch die, die eines solchen bezichtigt werden, zumeist nicht so genau wissen, worüber sie streiten. Ein aufregendes, nur vordergründig belangloses Beispiel ist das Narrativ des Zeitwohlstands. Die grauen Männer aus Michael Endes Momo, die zu den Menschen gehen und ihnen die Zeit klauen, können sich genauso auf das Narrativ des Zeitwohlstands berufen wie der Fischer auf der kleinen kretischen Insel, der ein gutes Leben führt, weil er alle Zeit der Welt hat.

Die Botschaft dieser Geschichte: Lass die Narrative an deine Seele heranschwemmen. Beobachte ihre Wirkung und freue dich, wie diese langsam abnimmt und verschwindet, gleich auf welcher Seite du gerade eben noch gestanden hast.

Herzlich