Die Spinne und der Spinner

Die Mutter meiner Mutter war streng pietistisch und glaubte innig an Gottes Walten in ihrem Leben und auf der Welt im Ganzen. Sie hat in ihrem Leben vermutlich nur ein einziges Buch gelesen, dies allerdings ihr ganzes Leben lang und in allen Lebenslagen – es waren abgründig existenzielle Lebenslagen, kann man sich ja vielleicht vorstellen, oder auch nicht. Sie hatte mit ihrem Mann einen kleinen Bergbauernhof gepachtet, doch er war während der Woche bei Sprengarbeiten in den Bergen unterwegs und deshalb keine Hilfe für sie, die neben dem Hof noch sieben Kinder zu versorgen hatte.

Ich hatte vor den Großeltern großen Respekt, vor allem vor der Großmutter. Ihn nannten wie Ehni, sie war unser Nahni.

Nanhi war in allem, was sie sagte oder tat, durchgreifend und ohne ein Zögern. Sie konnte zu Glaubensfragen genauso energisch sprechen wie zu einem jetzt und ohne Aufschub zu verrichtenden kleinen Ämtchen eines ihrer Kinder.

Ich wurde als sechsjähriger Bub zu ihr in die Berge abgegeben, einen ganzen Sommer lang. Sie war schon alt. Mein Cousin, der ebenfalls an sie abgegeben worden war, und ich fanden sie uralt und insgesamt ein restlos anderes Wesen als alle anderen Menschen, die wir sonst noch kannten. Wie man bei manchen Menschen den Eindruck haben kann, sie seien von Lichtwesen oder irgendwelchen Schatten begleitet, hatte ich bei Nahni stets das Gefühl, sie sei in direktem Kontakt mit Gott. Wenn sie, in ihrer Arbeitsschürze weit über uns stehend, etwas zu mir sagte, fühlte ich, dass Gott direkt neben ihr stand und das gleiche von mir wollte wie sie.

Über eine Sache wäre ich stutzig geworden, würde ich als kleiner Bub den Mut gehabt haben, über das, was ich auf der Tenne im Stall sah, stutzig zu werden. Aber ich hatte diesen Mut nicht, das wäre ja einer Infragestellung Gottes gleichgekommen. Nahni kehrte regelmäßig diese Tenne. Sie hatte einen großen Besen und ging mit ihm in alle Ecken. Sie scheuchte Spinnen auf, die oft bis zuletzt warteten und dann plötzlich vor dem Besen davorzurennen versuchten. Vermutlich genau dies war ihr Todesurteil. Nahni, die sonst nicht mehr gut sehen konnte, sah sie rennen, und bevor die Flucht gelungen wäre, waren die Spinnen vom Besen, mit dem Nahni resolut auf die flüchtenden Insekten draufhaute, erschlagen. Matsch. Ich war beeindruckt. Sprachlos. Eingeschüchtert. Weil Gott neben ihr stand, schien das eine abgemachte Sache zwischen ihnen zu sein. Weil ich selber vor Spinnen Angst hatte, atmete ich auch jedesmal ein bisschen auf. Doch vor der Großmutter gruselte mir.

Heute war bei uns zu Hause wieder einmal Staubsaugtag. Arme Spinnen, denken jetzt einige von euch. Zurecht. Wie oft ist ein solches Tier schon weggesaugt, hinterlistig, ja geradezu tynisch eliminiert worden. Wer kennt das nicht? Wer gibt hier und jetzt den buddhistischen Mönch, der das nicht kennt?! Ich jedenfalls kenn’s.

Und heute? Was habe ich heute getan? Als ich es tat, hatte ich für einen Moment gedacht, wenn du das jetzt tust, bist du verloren. Ich sah eine Spinne, die lange wartete, bis sie hinter dem Heizkörper hervorrannte und über die weiße Wohnzimmerwand nach oben zu entfliehen versuchte. Natürlich hatte sie keine Chance, beziehungsweise hätte keine gehabt, denn sie hatte eine, zum erstenmal. In der Aufregung zog sie eine Fluse an einem Bein hinter sich her und sah dadurch doppelt so groß aus wie normal, auch doppelt so gruselig. Fluse und Spinne, die zappelnde Erscheinung gehörte doppelt abgesaugt, wäre eine mögliche Logik gewesen.

Ich tat es nicht. Das Naheliegende, es geschah nicht. Damit habe ich mich nicht zum Helden gemacht, im Gegenteil, ich habe damit indirekt zugegeben, dass ich es sonst getan habe. Vielleicht auch deshalb, weil meine Großmutter und die große Gestalt, die ich oft neben ihr sah, genau das auch immer getan hatten. Die transgenerational vererbte Instinktkette war schneller als mein Mitleid. – Und heute hatte ich diese Kette entzweit. Ich stellte das Rohr des aggressiv brüllenden und Nahrung heischenden Staubsaugers auf den Boden, holte ein Glas und eine Postkarte aus der Küche, fing die immer noch über die Mauer flüchtende Spinne mit Leichtigkeit ein und schüttete sie zum Fenster hinaus, direkt aus dem Glas in klirrende Spätherbstkälte. Musst dir halt jetzt im Schuppen was Warmes suchen, sagte ich noch und dachte: Oh je, wirst du von jetzt an beim Staubsaugen alle Spinnen fangen und außer Haus tragen?!

Ratlos zufrieden grüßt