Distanz

Friedrich Nietzsches Verherrlichung des «Pathos der Distanz» geistert durch unsere Hirnwindungen und definiert die öffentlichen Gesellschaftsanlässe. Manche fühlen sich durch die verordnete soziale Distanz pudelwohl. Von Nietzsche dürfen wir annehmen, dass es ihm auch so ergangen wäre. Vielleicht hätte er sich, wenn er heute leben würde, unwohl gefühlt und ein neues Pathos erfunden, da uns heute an jeder Straßenecke die Absurdität des Distanzwahrens begegnet. Damals als Nietzsche das Pathos der Distanz in den Himmel lobte, war er damit allein auf weiter Flur.

Nietzsche meinte mit diesem Schlagwort ein Gefühl vornehmer Überlegenheit, die Aristokratie des hochgesinnten und hochgestimmten Ausnahmemenschen, unter denen er zuallererst sich selbst an vorderster Front ausmachte. Dieses Gefühl ist inzwischen einer gewissen Nüchternheit gewichen. Ich jedenfalls, der ich früher mit Nietzsches Pathos der Distanz durch Kletterwände balancierte und in erhabener Einsamkeit auf schwierig erreichbare Berggipfel stieg, habe nicht mehr das Gefühl, wegen meiner Distanz zur Restwelt eine Ausnahmeerscheinung zu sein, denn, wie gesagt, zu viele sind heute free solo unterwegs. 

Nietzsches Pathos beinhaltete jenes andere Pathos, nämlich ein Recht auf Exklusivität, auf neue Lebensregeln, selbstgemachte, einmalige und die anderen in den Schatten stellende. Dieses Pathos hat sich in den vergangenen Monaten in ein Gefühl der Depression verwandelt.

Nun, wir müssen warten, müssen durchhalten. Und gut ist, wenn wir das Maul nicht zu voll nehmen. Nietzsche wäre da ein schlechtes Beispiel, sein Maul war vielleicht echt, denn es log nicht, doch Nietzsche nahm sein Maul auf gut Deutsch einfach eine Kante zu voll. Gott ist tot, diesen Spruch nahm er deshalb so ernst, weil er, Friedrich Nietzsche, ihn ausgesprochen hatte. Gott sagte kurz darauf im Pathos restloser Überlegenheit: Und ich sage euch, Nietzsche ist tot.

Uns Nachgeborenen bleibt die Wahl zu entscheiden, welche der beiden Aussagen mehr Evidenz hat.