Du – Mensch…

Ruth C. Cohn (1912-2010), die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI), pflegte alle Menschen mit Du zu begrüßen und zu verabschieden. In der jüdischen Tradition Martin Bubers, Marshall B. Rosenbergs, David Bohms und Emanule Levinas‘, die alle das geheimnisvolle Geschehen der menschlichen Begegnung zum Thema ihres Lebens gemacht haben, öffnete auch Ruth Cohn den unmittelbaren Blick für das andere menschliche Wesen jenseits aller Hierarchien. Die eben genannten Kommunikationsforscher und sie standen im oder stellten sich in den Sinnfluss der direkten, wirklichen, nie abgeschlossenen, stets unerwarteten und nie gleichen Ich-Du-Begegnung.

Im Fall der Psychoanalytikerin Ruth Cohn fand diese Beschäftigung einen direkten Weg in die Alltagswelt des Zwischenmenschlichen, indem sie, ohne sich beim Gegenüber anbiedern oder besonders beliebt machen zu wollen, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich in die Du-Begegnung ging und die Sache, das heißt ihr Gegenüber auch so benannte.

Wir Menschen sind insgeheim gar nicht so ganz anders als Hunde und Hündinnen, nur etwas reservierter, distinguierter, besser erzogen (oder auch nicht). Ich kann zu einem Menschen innerlich DU sagen wir zu einem liebenswerten Hund: «Ach, du knuffiger Geselle, Mensch, Manfred, Du!» Oder: «Mei, Mensch, DU hast aber was Edles an Deinem äußeren Erscheinen.» Oder: «Oh, wie klein bist Du Mensch doch ausgefallen» (oder wie groß – kürzlich hatten wir bei uns einen Überraschungsbesuch, er war 2.06 Meter groß). 

Die verschiedenen frei herumlaufender Menschen können VIPs sein oder einfache Leute von der Straße, innerlich erlaube ich mir zu allen das DU, auch zu meiner Zahnärztin oder auch zu Bill Gates oder Angela Merkel oder zu Nietzsche und Beuys oder Mutter Theresa.

Dass wir uns mit SIE ansprechen, wir Menschen, ist irgendwie ein Anachronismus. Und dass wir, anders als Ruth C. Cohn, nur insgeheim mit dem DU operieren, ist noch nicht das letzte Wort. Gerade wenn uns die Zeit wieder näher aneinanderrücken wird, was die Folge der momentenen Distanzbewegung sein wird, sind wir schnell beim DU, schneller als dem SIE lieb ist. Recht so, das bringt Echtheit und Spontaneität un unser Gemeinschaftsleben. Dann treffe ich auf jedem Spaziergang nur noch freundliche oder exzentrische oder abwesende DUs, aber eben lauter wirkliche DUs.

Mit Gruß