Dünnes Eis

Ich war als Kind und auch später oft auf Seen und Kanälen schlittschuhfahren. Einmal habe ich mir nachts auf einem See sogar eine Rippe gebrochen – ich konnte das Loch nicht erkennen, in dem der linke Schuh steckenblieb.

In letzter Zeit bin ich nicht mehr dazu gekommen. Das Eis ist zu dünn geworden. Ist es das? Oder war mir früher egal, wie dick oder dünn das Eis sei und jetzt bin ich vorsichtiger? Oder liegt’s an den unzuverläßig gewordenen Wintern?

Es ist erstaunlich, wie mutig sich Menschen früher auf dünnes Eis begaben, um Schlittschuh zu laufen und in den Genuss der Schwerelosigkeit beim Pirouettendrehen zu kommen. Sie sind auch gar nicht so selten eingebrochen und entweder ertrunken oder mit Leitern und dergleichen abenteuerlich gerettet worden.

Daraus lässt sich Allgemeines ableiten, zum Beispiel, dass der Mensch früher das dünne Eis in der Natur suchte und dass er dieses Feeling, wie andere Dinge auch, brav durch die Evolutionsgeschichte trug. Inzwischen überträgt er dieses eisige Vergnügen auf weniger haptische, aber im Haptischen durchaus spürbare Ebenen, auf die Börse etwa oder die Ozonlöcher. Es gibt immer noch Leute, die mit ihrem ganzen Geld spekulieren, und es gibt andere, die trotz massiver Warnungen schon am ersten Ferientag im Süden so lange in die Sonne liegen, dass ihre verbrutzelte Haut, na, da hätten sie auch gleich in die Mikrowelle sitzen können.

Der Mensch liebt das dünne Eis. Freud ging noch weiter, wenn er in seinem absolut inkonsistenten Text Über das Unbehagen in der Kultur behauptete, wir würden nicht nur immer wieder das dünne Eis suchen, weil es uns anzieht, nein, wir würden uns am wohlsten fühlen, wenn das Eis bricht und wir die Auslöser dafür sind. Todestrieb. Kultur war für Freud eine Sicherheit diesseits der Eisschicht, die nur bürgerliche Kleingeister interessierte. Auf dieser sicheren Seite fühlte sich Freud selber anscheinend freudlos unwohl. Doch statt die Schlittschuhe umzuhängen und loszuziehen und tiefe Furchen ins Eis zu ziehen, rauchte er seine Zigarren und schrieb sich sein Unbehagen von der Seele.

Vermutlich aber hat er, was die anderen betrifft, die, die nicht so leben können wie er, vermutlich hat er all diese anderen richtig eingeschätzt, wenn er meint, dass sie sich unwohl fühlen und deshalb permament mit dem Rand, wo das Eis ins offene Wasser übergeht, sympathisieren, und wo der, der über die Demarkationslinie hinausschlittert, im kalten Wasser absäuft und auf Grund geht. Das ist der eine Teil in uns.

Der andere Teil in vielen von uns ist der Heimwerker und Baumarktkunde, der zur Zeit sein Geld und seine Freizeit in die Isolierung seines Eigenheims investiert und einen zusätzlichen Ofen an den Kamin dranhängt, damit die Winterszeit kein Deutsches Wintermärchen werde. Da zerrinnen sie vor biederem Glück und schwelgen vor sich her, verklärt in ew’gen Wonnen, unberührt von Unbehagen, im Gegenteil.