Erschrocken über meinen Blick auf andere

Ich kenne ein Haus in der Nähe von uns, groß, renoviert, drei große Stockwerke, weiße Fassade, helle Fenster, freundlich alles. Saubere Garagen, Autos aus der Waschanlage  sauber eingeparkt zum jederzeitigen Gebrauch bereit. Manche Lichtschalter in den geräumigen Räumen dieses Hauses, werden sie angemacht, illuminieren auf einen Schlag bis zu fünfzehn kleinere und größere Lichtquellen gleichzeitig. Manchmal sind alle Räume auf den Etagen beleuchtet, das Anwesen ist innen und außen in warmgleißendem Licht, als würde gerade ein Empfang gegeben. Das ist fast jeden Abend so.

Das Haus wird von insgesamt drei Menschen im Pensionsalter bewohnt, belebt kann ich nicht sagen, denn das Leben fehlt bei dieser zahlenmäßigen Unterbesetzung, die von ihnen allerdings als Vollbesetzung empfunden wird. Sie halten sich für anständige, umweltbewusste Zeitgenossen. Manchmal besuchen wir uns gegenseitig und erss. Die Gastfreundschaft in diesem weißen Haus mit seinem großen, fast baumlosen Garten hat einen hohen Stellenwert, die Gäste werden jedesmal gründlich verwöhnt.

Was macht ihr da eigentlich, frage ich diese mir bekannten Leute hinter den gepflegten Fenstern, aus denen am Abend helles Licht in die Umgebung strahlt, was tut ihr den ganzen Tag und an diesen Abenden? Und während ich das frage, merke ich, dass diese Frage nicht offen ist, denn ihr folgt der Argwohn an der Ferse. Ihr tut nämlich nichts, das lauert als Argwohn hinter meiner harmlos scheinenden Frage. Ihr ruht euch auf etwas aus, das euch vielleicht gar nicht zusteht, bezieht Pensionen, die euch gesellschaftlich verpflichten und nicht so ohne weiteres einfach nur abgerufen und ungefragt ausgegeben und gehortet werden dürfen. Und ihr verdrängt das alles, beziehungsweise ihr habt, so dünkt mich, noch nie darüber nachgedacht. Ihr habt noch nie über eure Aufgabe nachgedacht. Dafür beutet ihr andere aus, nämlich die, die euch dieses luxuriöse Leben ermöglichen, die unter eingeengten Bedingungen Geld verdienen und davon wiederum Geld abführen und die Pesioinskassen füllen, die wiederum große Summen auf eure Konten abführen. An ihrem Lebendigen zehrt ihr, und dies im hybirden Glauben, ein anständiges und durchaus bescheidenes Leben zu führen, in der Überzeugung, früher so viel für das Gemeinwohl getan zu haben, dass ihr jetzt dieses Gemeinwohl so gründlich melken dürft wie nur irgend möglich. In eurem Haus hätten noch viele Menschen Platz, einzelne und ganze Familien. Von eurem Konto könnten noch viele Menschen Leben, einzelne und ganze Familien. Und ihr klagt, dass man euch zumute, mit so viel Menschen zu tun haben zu müssen, beim Bezintanken, beim Einkaufen, überall. Und wollt eure Ruhe haben, Risikoalter, da müsst ihr euch schützen.

Dabei solltet ihr andere in euer großes Haus aufnehmen, und vor allem solltet ihr ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, die so anstrengend, unappetitlich, undankbar und unästhetisch sind, dass ihr danach wie Tote in eure Betten fallen würdet und Erholung von der getanenen Arbeit bräuchtet.

Das war Stufe eins, da geht es noch um gar nichts. Auf dieser Stufe eins könnte ich nun über die Autos herziehen, die von solchen pensionsüberfütterten Leuten gefahren werden, über ihre Ess- und Vergnügungsgewohnheiten und ihre dauernden Anschaffungen, die sie sich leisten. Alles Stufe eins, bei der es um nichts geht.

Bei Stufe zwei geht es um mehr. Auf dieser Stufe richte ich alle oben gestellten Fragen und oben gemachten Kommentare gegen mich selbst. Wie lebe denn ich? Wieviel Erholung brauche denn ich? Wie groß ist denn mein Fußabdruck im Ökologischen, Seelischen, Geistigen? Wieviel ist meine Lebenseinstellung wert, meine Maxime, mit vergleichsweise wenig Geld über die Runden zu kommen? Was heißt da ‹vergleichsweise›? Ich sollte mir viel eher darüber den Kopf zerbrechen, mit wie wenig Geld ich ein, wiederum vergleichsweise, so extrem luxuriöses Leben führen kann? Da liegt der Hase im Pfeffer, bei mir genauso wie bei den erwähten drei Personen auf ihrem doch irgendwie wohl auch verdienten Altershochsitz hoch über dem Rest der mühsam arbeitenden Alltagswelt.

Stufe drei ist dann die eigentliche. Da ist nur noch eins erlaubt, nämlich selber raus zu gehen, Lebensfelder zu ergreifen, die brach liegen, Menschen unter die Arme zu greifen, die kaum mehr gehen, nichts mehr fühlen und schon lange nichts mehr denken können. Und Erfolg auf dieser Stufe drei sähe so aus, dass ich die Dinge mit einer solchen Vorbildlichkeit und Überzeugungskraft ergriffen habe, dass meine Nachbarn von selbst in ein anderes Tun kommen und ihr Leben nocheinmal und vielleicht zum erstenmal sinnvoll und in voller Hingeneigtheit zum Allgemeinwohl gestalten.

Das war eine Sonntagpredigt an mich selbst, nämlich

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