Exponentiell verzichten

2001 im September war, wie ich aus der Schlagzeile einer deutschen Zeitung bestens erinnere, der «Terrorangriff auf Amerika». Wenige Wochen später war in Sils Maria im Engadin das Nietzsche-Kolloquium. Ich war als Referent eingeladen. Neben Honorar, einem illustren Publikum und einer wunderbaren Landschaft drumherum gehörte zu diesem Auftritt auch eine Dauerkarte für das Kolloquium, ein Einzelzimmer im Fünfsternehotel mit Vollpension, außerdem ein freies Abendessen mit den anderen Dozentinnen und Dozenten, ausgerichtet von Herrn Dietrich, dem damaligen Hoteldirektor. Fleisch von regionalen Erzeugern, beste Weine aus dem nahen Italien, schöne Gespräche mit Frau Rosenthal aus London, im Zimmer ein eigener Bademantel und bei Bedarf erlesene Häppchen aufs Zimmer.

Mir ging die ganze Sache schwer auf den Senkel. Das neue Jahrhundert war kaum am Start und schon so angezählt. Und wir feierten in unberührter Natur in einem Hotel der Spitzenklasse den großen Deutschen Philosophen, der sich vor über hundert Jahren in diesen Winkel verirrt und hier herumvegetiert hatte. Ich fühlte mich unwohl und erhöhte das Unwohlsein noch dadurch, dass ich genaus das tat, was laut Marshall Rosenberg Gift ist, ich verglich nämlich meine Not als verwöhnter Hotelgast mit lauter Sachen, die mit dieser Not unvergleichbar sind. In New York geht die Welt unter und wir degustieren hier in besonderen Gläsern besondere Weine. Nietzsche wusste damals in Sils Maria nicht, wie er in seiner dunklen Absteige unten im Dorf die Miete – ein Franken pro Tag – bezahlen sollte und ich schlurfe wie damals der Schah von Persien im Morgenrock über edelmöblierte Flure in Richtung Wellnessbereich.

Was mich am meisten irritierte: Ich genoss das für mich sonst unbezahlbare und in meinem Leben bisher nicht vorgekommene Luxusleben schon ab dem zweiten Tag in vollen Zügen.

Egal wie das mit der angezählten Welt weitergehen würde, egal ob die Prophezeihungen von Nostradamus zum Einsturz der Twin Towers den Zeitereignissen einen höheren Sinn abrangen oder nicht, ich fand, dass diese Fünfsternewelten Bestand haben und gerettet werden sollten.

Ich hatte eine gute Idee. Es sollte 5-Sterne-Hotel-Kontingente geben. Jeder Single, jedes Paar, jede Familie darf einmal pro Jahr für ein paar Tage ins pure Glück eines solchen Luxuslebens abtauchen, sich verwöhnen lassen und dieses äußere, aber wichtige menschliche Glück in vollen Zügen genießen.

Inzwischen denke ich in gleicher weise über Flugkontingente nach, von Bier- und Fußballkontingenten und vor allem Fleischkontingenten ganz abgesehen.

Einmal im Jahr solche Tage, wie ich sie damals beim Kolloquium hatte, das würde mir genügen, davon könnte ich ein ganzes Jahr lang zehren, ja, ich habe so was seither nicht mehr erlebt und zehre immer noch davon. Die ganzen Kontingente aufs Jahr und den einzelnen Menschen heruntergerechnet würde einem exponentiellen Verzicht sondermaßen gleichkommen, der ohne weitere äußeren Katastrophen die Welt in eine geliebte Planetin verwandeln würde, ohne dass wir ganz verzichten müssten.

Ich weiß, das klingt alles viel zu plump, um als die neue Vision an den Markt gebracht zu werden, aber mir gefällt die Option ohne Abstriche und ich halte sie keineswegs für eine Utopie.

Kürzlich wurde ein Bauer, der ein Leben lang seinen kleinen Bauernhof in den Alpen betrieben hatte und den ich seit meinem neunten Lebensjahr kenne, ins Heim gegeben. Er war verwirrt und konnte nicht länger allein in seinem Haus mit den niedrigen Decken leben. Alle, die hörten, dass ausgerechnet dieser Mensch, dieses Stück Urnatur und Bergbauernexistenz ins Pflegeheim müsse, hielten die Luft an. Manche meinten, er würde diesen Einschnitt in die Freiheit seines bisherigen Lebens nicht überstehen. Als ich einige Wochen nach der Einlieferung seinen Sohn im Dorf traf und mit Herzklopfen nach seinem Vater fragte, strahlte er vor Begeisterung. Der Papa sei glücklich, berichtete er entspannt, er müsse nicht mehr das Haus selber heizen, nicht mehr für sich allein kochen, es seien überall Menschen um ihn herum, die nett mit ihm seien, man rede mit ihm, er habe ein schönes Bett. – Für Eduard, so heißt der uralte Mann mit Vornamen, war die neue Umgebung sein erstes Fünfsternehotel. Und da er bis ins hohe Alter nie in einem solchen Hotel untergebracht war, hat er so viele Kontingente frei, dass er dort glücklich sterben darf, wenn es so weit ist.