Feinde im Niemandsland

Angesichts der Folgen der Pandemie verschärft sich ein Gegensatz, der seit langer Zeit sichtbar ist, seit einem halben Jahrhundert schon oder noch länger. Gemeint ist der Kampf, wie sie gerne sagen, der Kampf zwischen den Nationen, die zuoberst auf dem Podest stehen wollen. Jetzt sind wichtige Zeiger auf Null gestellt und es wird sich bald zeigen, hören wir überall, wer sich schneller in der neuen Situation zurechtfinde, die USA oder China.

Eigenartig finde ich die Bilder, die im Umlauf sind zu diesem Thema und die Sprache, mit der über den Kampf der Giganten gesprochen wird. Die Bilder suggerieren, dass wir es, wie im Sport, mit den Besten zu tun hätten, mit den Durchtrainiertesten, den Sportlichsten. Doch sie sind angezählt, die Giganten, und wenn sie so weitermachen, gleichen sie keineswegs Sportlern auf dem Siegerpodest, sondern wankenden Kolossen, deren einzelne Teilchen alles andere als das Gefühl haben, Teil eines ausgewogenen, leistungsfähigen und gesunden Organismus zu sein.

Und dann gibt es neben dem Kampf um Platz eins auf der Nationenweltrangbestenliste noch den die beiden Streitenden auf einer höheren Ebene vereinigenden Kampf gegen den kleinsten, zur Zeit erfolgreichsten Sportler auf diesem umkämpften Globus, es ist dieses unsichtbar kleine, definitiv unberechenbare Teilchen, dessen Geschlecht wir nicht kennen, auch nicht sein Verhalten, nicht die Wandelbarkeit, wenn das undurchschaubare und noch viel mehr unsichtbare Geschöpf ein zweites Mal den gleichen Wirt heimsucht und dessen Lebensenergie, vielleicht das Lebens insgesamt, zunichte macht.

Und da höre ich dann überall diese Sprache, die weiterhin vom Kampf spricht, vom Krieg gegen einen heimtückischen Gegner, von Resistenz, und wiedererkämpfter Immunität. – Die Giganten sind angezählt bis zum Umfallen, aber die Kriegsrhetorik bleibt ihre vorherrschende Sprache. Ihre Sprache des Ausgrenzens, der Statistik, des Egoismus richtet sich gegen alles, was nicht dazugehört oder als nicht dazugehörig definiert wird.

Gibt es denn keine Auswege. Ließe sich nicht eine übergangsreichere, weniger erfolgsversprechende, aber vielleicht nicht weniger erfolgreiche Sprache finden?! Eine Sprache, die wirkt, aber nicht bis in die Details benennbar ist.

Rudi Dutschke wusste nicht, wie die Sprache sein würde, mit der er die Revolution machen würde. Hauptsache, sagte er, es komme kein Stillstand und keine Restauration, also kein Vollstop und kein Zurückfallen in das Gehabte.

Jetzt beginnen gerade die Kirchenglocken zu läuten. Seit einiger Zeit sind sie das Einzige, was uns miteinander sozial noch verbindet. Seither klingen sie anders, heiliger und nicht nur vielversprechend, sondern überhaupt erst wieder einmal sprechend. In der Not frisst der Teufel Fliegen, das Bild passt zum Krieg der Giganten, ob sie nun gegeneinander oder gemeinsam gegen einen imaginären noch größeren Feind Krieg führen. – In der Not hören wir wieder die Glocken läuten, die der Kirchen in der Stadt und genauso die der Kühe auf den saftigen Wiesen.