«filmlis und so rübermechen…»

Lieber Freund, gerade aus Kreta zurück, schickst Du mir in einem Mailanhang am 4. Juni 2019, 11:14 Uhr, mehr als ein Dutzend Bilder von Deinen Erlebnissen. Fotos mit Dir, mit dem Gleitschirm über dem Meer, im Dorf mit den Einheimischen, Free Solo mit Rucksack und Eispickel auf Schneefeldern und Gipfeln. Nachdem ich Dir am gleichen Tag um 11:28 Uhr für diese Mail danke, lese ich um 11:45 Uhr: «Ich schreib bald mehr. Biste eigentlich auf WhatsApp? Da kann man ganz leicht tolle Filmlis und so rübermechen.» Lieber, bei mir kannst Du gar nichts einfach «so rübermechen». Ich bekenne – ich habe kein Smartphone. Dementsprechend um 14:35 Uhr meine Antwort: «Ich bin nicht auf WhatsApp und freue mich deshalb doppelt darüber, dass Du mir immer wieder Bilder über den Umweg von E-Mails schickst.» Um 16:26 Uhr erhalte ich eine Frage von Dir, über die ich seither nachdenke: «Was sträubst du dich denn so gegen ein iPhone? Willst du nochmals ein Schopenhauer sein oder ein Jean Paul?!» Ich war noch nie ein Schopenhauer und auch kein Jean Paul und ich möchte kein solcher sein, auch wenn ich diese Größen der deutschen Geistesgeschichte bewundere, sie haben Großartiges geschrieben, diese grosso modo genialen Köpfe. Dass Du diese beiden Männer ausgewählt hast, trifft die Sache, auf die Du anspielst, trotz der Jahrhunderte, die zwischen ihnen und uns liegen, auf den Kopf. Ihre Namen stehen für ‹Ressentiment› und ‹Widerborstigkeit›. Ja für einen Widerwillen und subtilen Hass gegen die Menschen und ihr Masseverhalten. Der eine hätte aus philosophischer, der andere aus pädagogischer Sicht Vorbehalte gegen die neue Technik angemeldet, da bin ich mir sicher. Du anscheinend auch.

Als Smartphone-Verweigerer lebe ich in einem Gefühl der Ohnmacht. Als hätten ich allein schon deshalb Niederlagen zu verzeichnen! Als wäre mein Leben eins des permanenten persönlichen Zurückgesetztseins. Sowohl beim geselligen Zusammensein mit anderen als auch auf Reisen ist dieses Gefühl schnell da. Führe ich in den Augen anderer ein langweiliges Leben, nur weil ich auf all die Segnungen verzichte, die dieses smarte Gerät in den Alltag trägt?

Ich werde immer wieder schräg angesehen, wenn Leute feststellen, dass ich kein Smartphone habe. Geht irgendwie nicht. Man ignoriert nicht den Tatbestand, sondern mich selber. Und was dabei überaus tückisch ist: Man zwingt mich, direkt oder indirekt, zu Stellungnahmen, weil ich anscheinend nicht gesellschaftskonform bin. Bei allfälligen Statements, würde ich sie geben (was ich allerdings nicht tue), wäre alles, was ich sage, a priori ein Fettnäpfchen, mit dem gegen mich agitiert werden könnte. Ein Smartphone steht für Werte wie Freiheit und Individualismus – und ich muss mich für meine Werte, die ebenfalls auf Freiheit und Individualismus abstützen, kritisch verantworten.

Was mir einleuchtet, ist die Tatsache, dass der Anblick eines normal intelligenten Mitbürgers schlichtweg weh tut, der beim Schreiben einer SMS x-mal auf die gleiche Taste tippen muss, um überhaupt einen Buchstaben auf das Minidisplay meines uralten Handys zu bannen – viermal für ein ‹z›, sechsmal für das scharfe ‹ß›. Das löst bei einigen Zeitgenossen Befremden, Mitleid, ja sogar Ekel aus. Kein Wunder, dass mir die schönen Sachen des Lebens entgehen, scheinen mir die Blicke rundherum zu sagen. Wenn du so viel Zeit für eine SMS brauchst, wo bleibt dann die Zeit für das Wesentliche?! Manchmal fühle ich mich tatsächlich in die Zeiten Schopenhauers und Jean Pauls zurückversetzt, nur weil ich keine Sprachnachrichten über WebSms verschicke keine «Filmlis rübermeche».

Wieso verweigere ich mich? Die Sachen, denen ich mich verwehre, werden doch inzwischen schon von den Großeltern meiner Kinder beherrscht! – Meine Kinder übrigens gehören tatsächlich zur neuen Generation. Sie konsultieren mich treu und regelmäßig auf dem Festnetz, weil ich nur dort zuverläßig erreichbar bin. Für diese wahrlich große Toleranz bin ich dankbar. Und sie schicken mir, wie Du, immer wieder liebevolle Mails mit Fotoanhängen, damit ich an ihrem Leben teilnehmen kann.

Ich habe für diese ganze Sache, die ich für ein gigantisches Problem halte, keine Pointe, mit der ich jetzt süffig einen Schluss setzen könnte. Erst recht habe ich keine Lösung.

Manchmal bin ich wild entschlossen, mich nicht mehr länger gegen den Mainstream zu sträuben, denn allzuoft stehe ich, gerade wenn ich unterwegs bin, wegen eines fehlenden Smartphones auf der Leitung. Und so Vieles, was mit meinen Kindern, mit Dir, mit anderen Menschen passiert, kann ich nicht festhalten.

Manchmal aber – und gar nicht so selten – geht mir das Bibelwort durch den Sinn: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.»