Freiheit

Freiheit ist eine Sache des Denkens. Und damit eine Sache des Einzelnen. Denken ist der Ermöglichungsgrund des Einzelnen im Beisein anderer. Die anderen Denkenden geben den Wirklichkeitsgrund für die Einzelnen ab, die denkend ihre Isolation überwinden.

Das klingt wenig erotisch. Wie wär’s mit folgendem Gedanken von Johannes Stüttgen: Ein Virus ist ansteckend, Denken nicht. Viren übertragen sich auf einen Wirt und entfalten auf ihm ihre Wirkung, sie übertragen sich, stecken an. Denken lässt sich nicht übertragen, das ist ja die Falle für Eltern und für Lehrerinnen. Nur weil der Papa oder die Lehrerin, die Mama oder der Lehrer einen Gedankenzusammenhang auf die Reihe bekommen haben und zu einem Endergebnis gekommen sind, ist ihr Denkergebnis noch lange nicht in den Köpfen der Kinder. Nur weil sie es gehört haben, ist es von den zuhörenden Kindern noch nicht gedacht worden.

Wer denkt, organisiert die Rettung. Die Rettung vor sich selbst ist, nocheinmal Stüttgen, die einzige Rettung, die es gibt. Durch mein Denken rette ich mich und die anderen.

Gestern war ich zum Einkaufen in unserem Bürobedarfladen in Wilhelmshöhe. Da kennen mich alle. Da ich so selten einkaufe, vergesse ich regelmäßig die Maske. Ich komme zur Schiebetüre rein. Man kennt mich, hinter dem Tresen wird mir zugewinkt. Die Verkäufer haben, wie ich, keinen Mundschutz auf. Wieso nicht? Egal, frag‘ nich‘ so viel. Sie winken verschwörerisch. Ich muss nicht zum Auto zurück und meinen Mundschutz holen, so wenigestens interpretiere ich ihre Gesten. Ich bin noch nicht richtig im Laden, da pfeift mich ein alter Mann zusammen. Nicht nett, wie er mich über viele Meter aus der hinteren Ecke des Ladens anbrüllt. Als hätte er nur auf mich gewartet, um mich zusammenzustutzen. Hätte ich in diesem Moment doch nur gedacht. Wäre es mir gelungen zu denken, dann hätte ich mich gerettet. Denn ich hätte an ihn gedacht. 

Wenn ich mich schütze, tue ich es um seinetwillen. Natürlich, wenn er mir so kommt und mich unvermittelt anbrüllt, gehe ich nicht zum Auto und hole nicht meine Maske und denke mir weiter nichts, sondern pflaume ihn ebenfalls an und sage ihm, dass mein Sicherheitsabstand dreimal so groß sei wie vorgeschrieben. Das beruhigt ihn nicht und er schimpft weiter.

Gibt es eine Denkpflicht? Die Maskenpflicht gibt es ja tatsächlich. Doch wie ist mit der Pflicht zu denken? Allein? In einer Gruppe? Diese Pflicht gibt es nicht. Gehorchen, parieren, Befehle umsetzen, Verbote einhalten, alles das gibt es, aber Denkpflicht, die ist vielleicht ansteckend, doch sie kann nicht verordnet werden.