Ohrenverleih

Cello oder Bratsche bedarf großer Fertigkeiten, Klavier selbstverständlich auch. Das Klavier verlockt zwar zum Klimpern, weil bei ihm die Töne schon da sind, ein musikalischer Zusammenhang entsteht dadurch aber noch nicht, deshalb sollte auch niemals geklimpert werden, bitte nie. Bei einem Streichinstrument fällt schießlich auch niemandem ein, auf ihm zu ‹klimpern›. Schon die Frage, wie man das Ding hält, verwehrt uns solche Anwandlungen. Sei allen Musikinstrumenten die Ehre beschieden, die ihnen gebührt.

Doch nicht nur Instrumente, auch andere ‹Dinge› sollten nur angefasst oder angewendet werden, wenn das dazu erforderliche Können vorhanden ist. Das Zuhören zum Beispiel. Wie viele Menschen sind überzeugt, die Kunst des Zuhörens gut zu beherrschen, und sind in echt und ohne es zu bemerken extrem schlechte Zuhörer.

Wie wäre unser Leben sofort ganz anders, nämlich menschlicher, wenn wir zuhören könnten. Einander besser zuhören, das würde einen kulturspezifischen Quantensprung in der Menschheit bedeuten. Das meine ich ganz ernst. Warum ist es nicht so? Warum hören wir einander nicht zu? Darauf gibt es unendlich viele und viele unangenehme Antworten, Entschuldigungen allerdings gibt es nicht.

Gerade wenn Menschen so großzügig ihr Ohr leihen wie sie ihr Lächeln verschenken, wird die Welt voller Wunder sein. Ich kann ja eins meiner beiden Ohren für mich behalten, das andere aber sollte ich meinem Gegenüber leihen, ja schenken. Schenken als wärs ein Lächeln.

Grüße aus dem stillen Kassel, wo man zur Zeit den Flügelschlag der Vögel hört,