«ganzjährig»

Zu behaupten, das sei kein kontroverses Thema, wäre übertrieben. Tatsächlich habe ich mir schon Rüge geholt, weil ich gerne die Vögel in unserem Garten auch im Sommer füttere. Im Winter sowieso, aber auch im Sommer, und da fressen sie mehr. Sommerfütterung wurde mir sogar schon von Biologen als Ignoranz vorgehalten, während mir Biologenfreunde im Westerwald bündig den Sinn dieses Tun erklärten.

Ok, die Römer hatten ähnlich vernachläßigbare Probleme.

Was mich zur Zeit freut: In allen Lagern finden sich Anhänger der ganzjährigen Fütterung, ob Fans der Anti-Mundschutz-Demo vor einer Woche in Berlin, die von einer Verschwörung überzeugt sind und in den Medien der Verschwörungsideen bezichtigt werden, ob Null-Bock-Vertreter mit der Überzeugung, die Welt gehe bald unter, ob Menschenhasser, die sich auf sichere Lebensinseln zurückgezogen haben oder eben ich, der ich nicht so recht weiß, warum ich nicht in Berlin war und warum ich hätte sollen.

Wenn wir das ganze Jahr hindurch Vögel füttern, die kleinen Singvögel, die es gegen die Elstern und Krähen und Monokulturen außerhalb der Stadt so schwer haben, so leisten wir den uns möglichen Beitrag zum Fortbestand der Planetin mit all ihren wunderfitzigen Bewohnern. Und auch wenn wir daran unsere unverhohlene Freude haben, lassen wir uns nicht so ohne weiteres anhängen, wir seien nur deshalb so naturverbunden, weil wir uns Sand in die Augen streuten und uns um nichts so sehr kümmerten wie um die lügenhafte Idylle des letzten Rückzugsort, der uns geblieben ist, nämlich den Garten vor dem Stubenfenster. Haben ja auch nicht alle, wir haben ihn – und Vögel. Auch Bettler, die sich manchmal in ihn verirren. Die füttern wir im Garten nicht. Ihr?

Was sollen wir Besseres tun als Vögel füttern? Den Untergang des Römerreichs konnte niemand verhindern, nicht die großen Feldherren, nicht die Redner oder Philosophen und auch nicht die, welche sich den weltfremden Luxus leisteten, ganzjährig Vögel zu füttern.

Klingt jetzt aber irgendwie gar nicht so positiv, wie ich zu Beginn meinte,

das ist schade, finde ich und grüße, herzlich