Gegenseitig unter Ausschluss

Es heißt, zur Zeit seien wir Menschen gleichgestellt. Das wäre neu und ist es nicht wirklich, auch jetzt nicht. Es bleibt dabei, die einen haben weiterhin viel bessere Chancen als die anderen, zum Beispiel besser Chancen auf medizinische Versorgung, Lohnersatz trotz niedergelegter Arbeit und so weiter. Wieso auch soll auf einen Schlag eine Gleichstellung realisiert sein? 

Was glaube ich nicht nur mich, sondern viele Menschen umtreibt und zwar schon lange, das ist die Situation in Gaza. Für Nietzsche waren seine Mutter und Schwester das härteste Argument gegen die Wiedergeburt, ich denke manchmal, für mich sei es Gaza. Im größten Experimentiergehege der Welt geboren zu werden, das stelle ich mir unendlich schwer vor, ohne Luft, Wasser, Strom, vor allem ohne Perspektive und objektiv unter immer schwierigeren, lebensunwürdigeren Bedingungen. Gaza war schon immer anders, eine völlig andere Alltagswelt als alle Lebenswelten sonst auf dieser Erde.

Solange es solche Territorien wie Gaza gibt, sind wir nicht alle im gleichen Boot. Das globale Ungleichgewicht bleibt auch jetzt bestehen. Der Gazastreifen bleibt, wie seit ewiger Zeit, auch in dieser Zeit, wo sich alles verändert, von der übrigen Welt abgeschlossen.

Gestern fuhr ich mit dem Taxi von zu Hause zum Bahnhof Wilhelmshöhe. Ich saß hinten. Der Fahrer am Steuer hatte eine Baseballmütze an, unter der die hinteren Enden seines Mundschutzes verschwanden. Obwohl nur wenig von seinem Gesicht zu sehen war, sah man, dass er nicht von hier war. Neben ihm saß eine junge Frau, die ebenfalls auf den Bahnhof musste, auch sie mit Mundschutz. Sie und ich sprachen zwischendurch auf Schweizerdeutsch miteinander. Er hörte es und fragte, wo wir her seien. Aha Schweiz, gut, sagte er laut vernehmlich. Und Sie? Aus Palästina. In Palästina geboren und hier aufgewachsen? Nein, in Palästina aufgewachsen, sagte der Fahrer. Wo in Palästina? Kennen Sie Palästina, fragte er und sagte sofort hinterher: Gaza. Ah, Gaza, sagte ich, ich bin beeindruckt. Wieso, kennen Sie Gaza? Nur durch Bekanntschaft, selber war ich noch nie dort. Es ist sehr schön, Gaza, sagte der Mann und wir hatten etwa ein Drittel der Fahrt hinter uns. Und er fügte lachend hinzu: „Und sie haben keinen einzigen Fall mit Corona in Gaza.“

Keine toten Palästinenser im Gazastreifen durch Ansteckung, sonst schon, aber nicht durch den oder das Virus. Das wäre eine Schlagzeile wert – und eine soziologische Studie. Denn dieser untypische Virusverlauf eines Volkes beweist unumstößlich, wie absolut abgeriegelt die Menschen dort sind. Keine raus keine rein, kein Corona, denn wie auch immer diese Sache unter die Menschen kam, Gaza ist mit Sicherheit nicht ein Ort, wo so etwas auf die Welt kommt.

Wir waren beeindruckt, wir zwei Schweizer im Taxi. Da gab es nicht mehr viel, das wir uns auf die autarke Schweiz und auf die Bergler einbilden konnten, die seit Jahrhunderten ohne Fremdkontakte zwischen den Steilabhängen dahinvegetierten. Die Schweiz ist nicht Gaza, wenn es um eine die Welt umspannende Infektion geht, sie ist ungeschützt, während Gaza keinen einzigen Fall zu verzeichnen hat. Glück im Unglück, sagt der Alltagsverstand. Soziologen würden vermutlich etwas mehr aus der absurden Situation ableiten.

Der Taxifahrer jedenfalls fühlte sich für einmal gern solidarisch mit seinen Eltern, Geschwistern und Verwandten im Gazastreifen. Von ihnen musste niemand um Atemgeräte und Notbetten streiten, die es dort sowieso nicht gibt. – Kurz bevor wir am Ziel angekommen waren, setzte uns der lebensfrohe Palästinenser noch ein Bild vor, das ich wie einen Ohr- oder eher Gedankenwurm in das weitere Tagesgeschehen mitnahm. Das könne er uns sagen, das Pferd werde länger leben als das Auto, und er fügte frohlockend hinzu, wenn Jesus Christus erscheine auf dieser Welt, würden wir wieder mit Pferd und Schwert unterwegs sein, alles andere gebe es dann nicht mehr.

Ich wusste nach diesem Gespräch, warum mir die Menschen dort und ihre blumige Sprache so sehr gefällt…