Geheimnis ‹Tautropfen›

Auch nach sehr heißen Tagen und trockenen Nächten finde ich vor unserem Haus fingerbeerendicke Tautropfen. Bei dir und bei euch gibts die sicher auch.

Das mit diesem Geheimnis war schon immer so, doch bei mir brauchte es Besuch, der begeistert von einem Tautropfenseminar erzählte. Seither genehmige ich mir Tautropfencocktails draußen im Garten am Morgen.

Erst musste ich meine Instinkte, beziehungsweise meine perverse Grundhaltung manch gar so vielen Phänomenen der Natur gegenüber überwinden. Den ersten bollenmäßigen Tautropfen – er war prall, dass er wie eine Kugel in einer Blattsenke rundherum frei in der Luft schwebte und nur an einer kleinen Stelle in seinem tiefsten Punkt auflag – hatte ich mir die Freiheit beziehungsweise Frechheit genommen, ein Frauenmantelblatt auszureißen und an den Mund zu führen, das schien mir die sicherste Technik, den Tautropfen in die Höhe zu heben. Unglaublich, dieses Mensch, reißt einfach das Blatt aus, auf dem die Unendlichkeit schwebte.

Ich entzog der Natur also nicht nur einen Teil ihres genialen Selbstbefeuchtungssystems, ich riss überdies ein Pflanzenblatt aus, um den wertvollen Wassertropfen bequem an den Mund zu führen.

Das geht natürlich gar nicht. Es bewirkt, dass die Wirkskraft des Tautropfengeheimnisses abnimmt und verloren geht, jedenfalls in unserem schönen Garten.

Es ist eine Kunst, Tautropfen so zu bewegen, dass sie sich nicht plötzlich ungesehen machen. Sie sind so flink wie ein kleines Tierchen, das hierhin oder dorthin fleucht, und haben die Tendenz, sofort nach unten zu verschwinden und zu zerspritzen. Die kleinste Ungeschicklichkeit meinerseits und schon sind sie weg, wie die Heinzelmmännchen von Köln.

Deshalb sollen wir sie lassen, wo sie sind. Und sollten wir über sie reden, dann höchtens flüsternd, sonst springen sie von den Grasspitzen und Blättern und implizieren.

Nun gibt es, wie auf so vielen Gebieten, Spezialistinnen und Spezialisten, Hellsichtige und Heipraktikerinnen, bestimmt gibt es auch Anweisungen und Anwendungen von Hildegard von Bingen, was die Welt der Tautropfen, die in verschiedenen Formen an unterschiedlichen Pflanzen entstehen, betrifft und, oral eingenommen, verschiedene Organe und Leibprozesse in uns beeinflussen.

Die Tautropfen will ich nun selber erforschen. Sie sind interessant wie Schmetterlinge – und vermutlich mit ihnen verwandt, irgendwie. Oder?

Im Vorflow des Forscherrauschs,
herzlich