«Geistige Kultur»

Kassel, 5. März

Albert Schweitzer sprach 1952 bei der Vergabe des Friedensnobelpreises wenige Jahre nach Beendigung des großen Kriegs von geistiger Kultur: «Der Geist ist eine gewaltige Macht der Umgestaltung der Dinge», sagte er, «wir haben ihn als Geist des Bösen am Werk gesehen, der Unglaubliches vermochte, uns aus dem Zustande des Bemühens um geistige Kultur in das Barbarentum zurückzuwerfen. Nun wollen wir unsere Hoffnung auf dasselbe Vermögen des Geistes setzen, die Menschen und die Völker wieder zu Kulturgesinnung gelangen zu lassen.»

Mich dünkt, so gehört sich’s in Oslo anläßlich des jährlich verliehenen Friedenspreises zu sprechen, so sprach der Ethiker Albert Schweitzer vor siebzig Jahren. Inzwischen hören wir andere Töne beim gleichen Anlass. Beispielsweise eine theoretische Begründung, warum es den Krieg braucht und warum manche Menschen gegen andere Krieg führen müssen und warum nur sie dies als einzige dürfen.

Beide Narrative berufen sich auf Verantwortung und Geist. Doch von «geistiger Kultur» hat nur Albert Schweitzer gesprochen. Dem anderen, nennen wir ihn den Kriegstreiberfriedensnobelpreisträger, genügte sein eigener Geist, eine Art pseudoethischen Sportsgeists im Schafspelz der Vernunft.

Weil der Kriegstreibergeist seit den 1950er-Jahren so laut geworden ist und unsere Seelen dauerbeschallt wie Grundlärm in der Großstadt, hören wir kaum noch Stimmen wie die von Albert Schweitzer. 

Umso mehr sollten wir von der Fähigkeit des Ohrs Gebrauch machen und selektiv hören, ich meine, so hören, dass wir den allgemeinen Lärm so weit wie möglich herunterdimmen, damit unser Sinnesorgan frei bleibt für die Friedensstimmen rund um uns herum. Es gibt sie. Manchmal denke ich, ich muss nur optimal hinlauschen, dann bin ich selber eine dieser Stimmen.

Ich wünsche einen schönen Tag und grüße,