Gender 1

Es ist ein wunderschönes Video, das Letesenbet Gidey bei ihrem Superlauf 2019 zum Damen-Weltrekord über 15 Kilometer zeigt. Mit einem Durchschnittstempo von weit unter drei Minuten pro Kilometer fliegt sie über die Gesamtstrecke, als wäre sie in einem leichten Aufbautraining, und überholt – das Rennen fand in einem gemischten Feld in den Niederlanden statt – einen Mann nach dem anderen. Ihre leichten Füße fliegen hinter ihr in Hüfthöhe mit, die Gazelle aus Äthiopien hat die Zeit eisern im Griff und läuft ein absolut souveränes Rennen.

Auf den letzten vier Kilometern laufen zwei ganz ähnlich gebaute, etwa gleich große und ebenso leichte und elegant dahinfliegende Japaner mit ihr mit, einer vor ihr, einer hinter ihr. Als sie ins Ziel einläuft, sind die ersten Männer seit über drei Minuten im Ziel.

Für ihren Weltrekord bekommt die sympathische Afrikanerin einen Check über 50.000,- € in die Hand gedrückt. Damit könnte sie in Äthiopien ein Dorf oder eine Kleinstadt ein Jahr lang ernähren, geht mir der Gedanke durch den Kopf, oder sie könnte fünf bis sieben selbständig erwerbende Künstlerinnen und Künstler in Deutschland ein Jahr lang unterhalten.

Und dann schießt mir noch etwas durch den Kopf. Die beiden Japaner vor und hinter ihr gingen absolut leer aus, auch die Läufer, die vor ihnen längst im Ziel angekommen waren. Warum eigentlich? Da gibt es heiße Diskussionen über Gehälter von Fußballern und Fußballerinnen, und wer das Gendergen in sich hat, hält die Gehälterfrage im Fußball für extrem ungerecht, beziehungsweise fordert Gleichbehandlung in der Gehaltspoltik von Kickerinnen und Kickern. Müsste dies dann im umgekehrten Fall auch so gedacht werden? Hat Gidey Geld angenommen, dass nicht gegendert war?

Ich will die Sache nicht vertiefen. Gidey hat Glück, bei mir jedenfalls, ihre Rennen, auch der Weltrekord über 5000 Meter von ihr kürzlich, das sind Sternstunden in der Geschichte der Leichtathletik, Gidey ist sozusagen der Umkehrschluss von Emil Zatopek mit seinen verkrampften Schultern, dem schlenkernden Kopf, den Grimassen übers ganze Gesicht, wieso sollen wir sie nicht mit Sonderlob und Geldgeschenken überhäufen (wobei ich nichts auf Zatopek kommen lasse). Doch von Gendergesichtspunkt aus würde ich mich, wäre ich Anwalt, um die Rechte der beiden Japaner kümmern, haben sie doch schließlich die gleichen Körpermaße wie Letesenbet Gidey, und ich hätte als Anwalt oder auch nur als Mann, allen Grund, es nicht in Ordnung zu finden, dass Mensch Gidey bevorzugter behandelt als die zwei Menschen aus Japan.

Zum Glück bin ich kein Anwalt, ich würde mir mit diesem Ansinnen eine schwere Last aufbürden.

Herzlich