Gewöhnt zu betteln

In Salzburg sind die Kneipen wieder geöffnet. Erste Lockerungen des Pandemieschocks. Gut so. Doch der analoge Unterricht für die Studierenden am Mozarteum lässt weiterhin auf sich warten. Schlecht. Die Kunst rasselt umso schneller in Zustände der chinesischen Kulturrevolution, je länger der gegenwärtige Wahnsinn dauert.

Künstler haben, um ihre Profession ausüben zu können, den Hang, sich zu prostituieren. Oft geht es nicht anders. Sie bieten ihre Arbeit unter Preis an, um zu überleben.

Ich werde oft gefragt, wie das geht mit dem Schreiben, das sei doch eine Sache, von der man nicht leben könne. Richtig, würde da ein Mensch mit gesundem Menschenverstand antworten. Wenn ich so etwas gefragt werde, sage ich: Na, irgendwie geht es, siehst du doch. Ich bin zu stolz, um dieses Problem zum Thema werden zu lassen. Ich will nicht, dass die Unfruchtbarkeit solcher Gespräche meine Seele verletzt.

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 2.Mai 2020 titelte mit Künstler in der Krise – Zurück zum Bettlerstatus. Es geht um die Reaktion auf den coronabedingten Aufführungsstop und die Auftrittsverbote für Musikerinnen und Musiker. In meiner Jugend sang ich das Liedchen Ein Bettler spielte im Café, er sang von Freud‘ und Weh. Das Lied kommt noch immer meinem melancholischen Gemüt entgegen. Und es charakterisiert den Künstler in der Gesellschaft, er singt, wo er steht und geht, die Zuhörer finden, er brauche das, um leben zu können, also singe er auch, wenn ihm niemand etwas dafür gibt, Geld zum Beispiel. 

Musiker stehen durch Corona erst recht in der Gefahr, ihr Tun kostenlos anbieten, stellt der SZ-Artikel fest. Sie tun dies sogar mit großem Eifer. Dahinter mag eine gefährliche Mischung aus Idealismus und Angst stecken, Angst, man werde nicht wahrgenommen, wenn man sich jetzt nicht auf Streamingportalen Gehör verschafft. Das macht uns zu Bettlern und unfrei. Die Kunst aber muss an der Quelle der Freiheit schöpfen.

Liebe Grüße