Gewöhnt zu betteln

In Salzburg sind die Kneipen wieder geöffnet. Erste Lockerungen des Pandemieschocks. Gut so. Doch der analoge Unterricht für die Studierenden am Mozarteum lässt weiterhin auf sich warten. Nicht gut so. Die Kunst rasselt umso schneller in Zustände der chinesischen Kulturrevolution, wie sie unter Mao herrschten, je länger der Wahnsinn dauert.

Künstler haben sich, um ihr Handwerk und ihre Profession ausüben zu können, immer schon als Lebenskünstler prostituiert. Oft geht es nicht anders, wenn sie Künstler bleiben wollen. Sie lernen, ihre Arbeit unter Preis, ja kostenlos anzubieten. Ich werde von besorgten Freundinnen und Freunden manchmal liebevoll gefragt, wie ich das hinbekomme mit dem Schreiben, das sei doch eine Sache, von der man nicht leben könne. Richtig, sagt da ein Mensch mit gesundem Menschenverstand. Bei Künstlern setzt an dieser Stelle der gesunde Menschenverstand aus. Wenn ich so etwas gefragt werde, sage ich: Na, irgendwie wird es ja wohl gehen, siehst du doch. Ich bin schlichtweg zu stolz, um dieses Problem zum Thema werden zu lassen. Vielleicht ist es gar nicht so sehr der Stolz, das sicher auch, aber noch mehr ist es vermutlich das Wissen, dass die Unfruchtbarkeit solcher Gespräche so sehr schmerzt, dass ich sie mir nicht antun möchte. Wer seine Kunst verschenkt, verstärkt den Eindruck, dass es sich bei seinem Tun um ein Hobby handelt. Sie tun es ja gern und jeder darf teilhaben, sagen die Kunstkonsumenten, die meinen, Schauspieler bräuchten nichts als die Bühne, um sich auszutoben, Musiker bräuchten nichts als ein Publikum, Schriftsteller, die allerbescheidendsten Sich-Selbst-Den-Hals-Abschneider brauchen sogar nur ein Blatt Papier. Und während wir das Letzte geben, sitzen unsere Freunde um uns herum und sind freundlich und essen, trinken und unterhalten sich bestens miteinander.

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 2.Mai 2020 titelte mit Künstler in der Krise – Zurück zum Bettlerstatus. Es geht um die Reaktion auf den coronabedingten Aufführungsstop und die Auftrittsverbote für Musikerinnen und Musiker. Damit hat der Artikel eine durch die Jahrhunderte besonders abgehärtete Spezies unbelehrbarer Idealisten vor Augen. In meiner Jugend sang ich manchmal das Liedchen Ein Bettler spielte im Café, er sang von Leid und Weh. Es kam und kommt noch immer meinem melancholischen Gemüt entgegen. Hauptsache er singt, sagen wir, der Rest ist verhandelbar. Musiker stehen neuerdings besonders stark in der Gefahr, ihr Tun kostenlos anbieten, stellt der SZ-Artikel fest. Sie tun dies anscheinend sogar mit besonders großem Eifer. Dahinter mag eine gefährliche Mischung aus Idealismus und Angst stecken, die das Gefühl vermittelt, man werde nicht wahrgenommen, wenn man nicht wie die anderen mit Auftritten auf Video- und Streamingportalen glänze. Doch das Überangebot an Beiträgen macht uns zu Bettlern und wir akzeptieren damit auch noch, dass das erstens so sein muss, zweitens genau in dieser Weise bestens funktioniert und drittens wir uns sogar glücklich über die Möglichkeiten der neuen Medien wähnen und dankbar für das alles sein sollten. Wo ist da das Problem?!

Wenn ich auf die Frage, wie ich mit dem Schreiben durchs Leben komme, wirkliche Antworten geben wollte, müsste ich zuallererst selbst verstehen, wie es dazu kommt, dass ich von einem Verlag für ein Buch, an dem ich zwei Jahre schreibe und das der Verlag gnädig nimmt, mit viel Glück so viel Geld erhalte wie ein gut aufgestellter Automobilmanager in einer Stunde. So viel verdient der Manager in einer Stunde dann auch nicht, dass ich von dem Geld, das er in zwei Stunden verdient, zwei Jahre lang locker auskommen würde. Weil das alles so ist, bin ich wild entschlossen, die momentane Krise nicht allzuschnell als Chance und Angebot zur Umsetzung neuer Visionen zu bewerten, sondern viel realistischer als Zeit, in der eigentlich wirklich nichts mehr geht…