Goethes Herzogin

Es gibt Clubs, da kommt man nicht rein. In der Regel ist das nicht so schlimm, denn wer will schon in gewisse Clubs wirklich reinkommen. Manchmal will jemand allerdings genau dies und dann gibt es Probleme.

Goethe wollte unbedingt in den Club der Adligen. Er gehörte anfangs nicht dazu. Dann wurde er durch den Herzog Carl August geholt. Und spielte in verschiedenen Gremien als Herr Geheimer Rat eine unübersehbare Rolle. Fur den Deutschen Hochadel blieb es dabei, er gehörte nicht dazu. War ein Zwerg. Auch die wichtigen adeligen Damen hielten es so mit ihm. Wenn ihnen was nicht passte, ging es ihm fast so übel wie dem armen Lenz oder Hölderlin.

Ursprünglich gehörte der geniale Goethe zum Frankfurter Bürgertum. Oberer Mittelstand, nicht mehr. Reicher Papa, reiche Mama, das schon, auch in summa Einzelkind, trotz Schwester Cornelia, aber die zählte nicht viel. Und war früh gestorben. Goethes Gehalt in Weimar war das höchste Mittelstandsgehalt, wenn wir so sagen wollen.

Nun, wie gesagt, was die Clubs betraf, war selbst bei Goethe nicht viel zu machen. Aber das mit seinem Genie, das war eine andere Sache. Da stand er oben auf dem Podest, ganz oben, weit über dem Hochadel. Zusammen mit Mozart, Schubert, Schiller. Geldmäßig stand er höher, im Ranking der Genies nicht. Und was ist die ganze Latte mit den Namen der großen Adelsgeschlechter gegen die Genies der Kultur? Selbst in England? Das halten wir mal fest.

In der Fürstengruft in Weimar begegnen uns die Gräber der Großen, einiger der Großen Weimars – der Sarg von Lenz ist natürlich nicht dabei. Aber die Särge von Goethe und Schiller. Ärmliche Metallkisten, im Vergleich zum unglaublich viel mehr Würde und Bedeutung ausstrahlenden Sarg der großen Herzogin Anna Amalia. Da zeigen sich die Verhältnisse, in denen sich die Vertreter der Lobby sehen, im wahrlich rechten Licht.

Anders in der Kultur. Wieviel von den heute Lebenden, die Goethe wenigstens dem Namen nach kennen und vielleicht auch noch den einen oder anderen Spruch von ihm, wer von ihnen sagt «kenn‘ ich, na klar», wenn die Frage nach Anna Amalia ginge? Nicht ein Prozent, sag‘ ich. Und die Buchverlage, wie schwer tun sie sich mit einem Buch, das von Herzog Carl August und seinen 60 Jagdhunden handelt, oder von der Herzogin Anna Amalia und ihrer Hochfrisur. Na, sie sind ja nicht zimperlich; mir ist der Buchtitel «Goethes Herzogin. Das Leben der Anna Amalia» in Erinnerung, da hat ein Verleger die Berühmtheit Goethes benützt, um seine vergessene Regionalqueen auf den Markt zu pusten. Da zeigen sich wiederum andere Verhältnisse.

Aber im Leben bleibt es so, und bei der Sargshow auch, da bleiben die ursprünglichen Verhältnisse bestehen, da kommt auch ein Goethe nicht in alle Clubs rein, wie heute ein Donald Trump auch nicht. Hoppla, bitte richtig lesen, ich sehe sonst keine Ähnlichkeiten zwischen den beiden Männern.

Ehrlich nicht, sagt mit Gruß