Go(u)ld des Schweigens

Wer sich die frühe Einspielung mit dem jungen Glenn Gould und Leonhard Bernstein anschaut, die die beiden Musiker am Klavier und am Dirigentenpult zeigt, beschäftigt mit Bachs erstem Klavierkonzert in D-moll (BWV 1052), kann ein eigentümliches Gefühl von Glenn Gould bekommen. Er ist 28 Jahre alt und sieht richtig alt aus, und er scheint ein Ekstatiker gewesen zu sein. Wäre er eine Frau gewesen, hätten sie ihn eine Hexe genannt, nicht nur von der Erscheinung her, auch von der Energie her und bis in einzelne Fingersätze hinein. 

Als ich diese Konzertaufnahme anschaute, erinnerte ich mich an eine Frage, die ich einem alten Klavierpädagogen einmal gestellt habe. Klaus Eidmann hieß er und er war eher ein Mann der Blicke und Gesten als einer der Worte gewesen, jedenfalls der unnötigen, großen Worte, meine ich. Gleichzeitig war er jemand, dessen Urteil mich oft weitergebracht hatte. Nun fragte ich ihn zu Glenn Gould.

Gould war in meiner Jugend ein Star, wir fieberten jedesmal auf seine neuen Aufnahmen. Ich hatte einen Freund, der lebte in einem Planwagen ohne Strom, unglaublich, aber mir ist sein Name entfallen. Sein Vorname war Reinhold. Ein- bis zweimal im Jahr hängte sich Reinhold mit einem Kabel illegal an einen Verteilerkasten in der Nähe an und holte für eine Dreiviertelstunde Elektrizität in seinen Wagen, wo er einen kleinen Plattenspieler und Schallplatten von Gould hatte. Diese hörte er sich dann an, ging zum Verteilerkasten und machte dort seine Spuren unsichtbar und rollte das Kabel wieder auf. Gottesdienst war nichts gegen diese Highlights.

Ich war auch begeistert von Glenn Goulds Bachinterpretationen. Und dennoch tat ich mich schwer in einer Beurteilung. Deshalb fragte ich viele Jahre später den alten Pianisten und Muiskpädagogen Eidmann, vielleicht wusste er eine Antwort. «Was halten Sie von Glenn Goulds Bacheinspielungen», fragte ich mit klopfendem Herzen. Er schaute mich an, als hätte ich ihn vorsätzlich verletzt, als hätte ich ihn wie mit einer Waffe getroffen. Meine Frage schien ihm Not zu bereiten und er biss sich auf die Zähne, entschlossen, seine Not hinunterzuschlucken und allein mit ihr fertig zu werden. Nur ganz kurz schaute er mir in die Augen. Da ich eine Antwort auf meine Frage erwartete, tat ich dasselbe wie er und sah in seinen Augen, wie er vielleicht etwas hätte sagen wollen und sicher auch etwas hätte sagen können, doch er schaute wie ein in seiner Ruhe kurz gestörtes Reptil weg, kringelte sich in seiner Seele ein und sagte dann – nichts und ich wusste Bescheid.

Na ja, nicht wirklich, denn ihn selbst hatte ich nie Bach spielen gehört, nur was von Bach im Unterricht erschien, da konnte ich einige Anknüpfungsmöglichkeiten finden, deshalb meinte ich, ich wusste Bescheid.

Mit Gruß