Grauzonen

Hatte vorhin mit einem mir fast unbekannten Besuch ein Gespräch über Schule.

Wer mit mir über Schule spricht, muss sich warm anziehen. Ich bin ein Fan von Freelandsern, kenne viele  Schulverweigerer und hatte stets Sympathien für Familien übrig, die mit dem Gedanken liebäugeln oder ihn sogar umgesetzt haben, ich meine den Gedanken auszuwandern, etwa nach Portugal oder Frankreich, wo Formen des Homeschooling geduldet werden, wie dies in Deutschland verboten ist.

Aber wie ist das, wenn sich ein Gesprächspartner «warm anziehen» muss, um mit seinem Gegenüber gedanklich auszutauschen?

Der Besuch fragte, wie ich Waldorfschule finde. Er, der fragte, war in eine solche Schule gegangen. Er hat zwei Kinder, eins ist drei, das andere vier Monate. Schule ist für ihn noch kein Thema. Ich bemerkte, wie sich bei mir Spannung aufbaute, Botschaften meldeten, Befindlichkeiten rumorten. Schue – fürchterlich, gleich was für eine. In Urteilen zu sprechen ist unproduktiv für ein Gespräch, es verhindert das produktive Äußern guter Gedanken. Doch allermeistens scheinen wir in diesen Grau- und Dunkelzonen zu surfen, wenn wir miteinander reden.

Er hingegen, der junge Vater, wirkte auf mich restlos entspannt. Zwischen uns entstand ein Gefälle, ein Abgrund tat sich auf. Weil er sich jeglichen Urteils über gute oder schlechte Schulen enthielt – nicht weit er sich zusammennahm, sondern weil das so in seiner Seele lebte – und auch die Schule als Einrichtung restlos vorureteilsfrei betrachten und beschreiben konnte, merkte ich, wie sich die Spannung und der Druck in mir noch steigerten. Wieso nur?!

In einer solchen Situation passiert es leicht, dass die Urteile, die man über eine Sache äußert, mit objektiven Beschreibungen verwechselt werden. So geschah es mir in diesem Augenblick. Dann dachte ich, interessant, mein Gegenüber praktiziert etwas, von dem in Coachings, Fortbildungen in gewaltfreier Kommunikation und überhaupt in Zusammenhängen des Erwachsenenlernens dauernd gesprochen wird. Er enthält sich der Urteile. Wow. Dieser Vater, der sich noch überhaupt keine Gedanken darüber machte, wo seine Kinder einst in die Schule gehen würden, hatte ein so restlos offenes, vertrauensvolles Verhältnis zum Thema Schule, dass er, wie er so dastand und darüber mit mir sprach, bei lauter feinen, liebevollen, klaren Beschreibungen stehenblieb.

Können junge Menschen das besser als meine Generation, die so Vieles sich vom Leib halten musste, indem es die Dinge in Urteile goss, weil wir sonst um unseren Verstand gekommen wären. Und wenn es so sein sollte, ist mein, ist unser Verhalten deshalb eine Entschuldoigung?

Überall, wo von anderen das urteilsgeläuterte Sprechen zu vernehmen ist, haben wir Grund die Ohren zu spitzen, nein vielmehr die Ohren-Oberfläche zu verdoppeln und immer weiter aufzuspannen, damit wir die wohltuende Botschaft vernehmen. Welchen Jahrgangs die so Sprechenden sind, dürfte dabei Nebensache sein, oder?