Herbstlicht im Garten

Im Garten ist es wieder so weit. Der Essigbaum und der neben ihm stehende und einige seiner Zweige in die Zweige des Essigbaumes streckende Ahornbaum mit seinen sonst erdig roten kleinen Ahornblättern verändern die Farbe und nähern sich auf besondere Weise einander an, wie dies nur in dieser Jahreszeit geschieht.

Der Essigbaum, sonst grün beblättert und satt in einer Lichtung stehend, hat seine hängenden länglichen Blätter in von Licht und Wärme eingetauchtes Geld verwandelt, als würde heller Honig aus ihm fließen. Der Ahornbaum, doppelt so hoch wie er und dennoch eher klein, verglichen mit der ausgewachsenen Lärche und der ebenfalls riesigen Linde im Hintergrund, hat ebenfalls sein Licht in den Blättern verändert und ist in satt leuchtendes Rot getaucht.

Auf dem goetheschen Farbenkreis stehen im inneren Kreis der Farben der beiden leuchtenden Bäume im Garten die Worte ‹schön› und ‹gut›, im äußeren Kreis steht das Wort ‹Vernunft›. – Sie haben sie, die Vernunft, oder den Menschenverstand, der uns Menschen mehr und mehr abgeht. Pünktlich zur Mitte des Oktobers hin verwandeln sie sich am Lichte zum Licht, nicht fragend, was sie davon haben und ob sie dafür bewundert werden.

«Es knospt unter den Blättern, das nennen sie Herbst», lautet ein Gedicht von Hilde Domin. Auch da spricht die lautere Vernunft aus der Natur. Wir tun, was zu tun uns seit Urzeiten aufgetragen, sagen sie in wenigen Worten.

Wir bewundern gemeinhin das Lebensvertrauen Luthers, der gesagt haben soll, er würde auch dann ein Apfebäumchen pflanzen, wenn am Tag danach die Welt unterginge. Genau das tun sie, die Bäume und, was die Verwandlung des Lichts ins Edle und Gute betrifft, der Erssigbaum und der kleinblättrige Ahorn im Garten. Sie sind diejenigen Lebenwesen, die auch in apokalyptischen Zeiten dort stehenbleiben, wo ihr Same einst hingeflogen war. Und da stehen sie, mit einer Vernunft, zu der wir nur aufblicken können.