Herbstgesang der Rotkehlchen

Wenn ich in diesen Tagen an der Hecke stehenbleibe, wo mir im vergangenen Frühling ein Rotkehlchen in unmittelbarer Entfernung auf Augenhöhe und jeden Tag aufs Neue schrille Töne ins Gesicht schmetterte, als hätte ich unverzüglich das Feld zu räumen, begegnet mir im gleichen Vogel jetzt ein liebevolles und sehr zurückhaltendes Lebewesen mit einer feinen, leicht überhörbaren Stimme. Es ist das gleiche Rotkehlchen wie im Frühling, das gleiche Exemplar, ganz bestimmt, doch es blickt mich nur indirekt an, sitzt entfernt über mir in den Zweigen und gibt einen lieblichen Gesang von sich, der mit entwaffnender Innerlichkeit an meine Seele rührt.

Kein anderer als der Arzt, Biologe und Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989), der selbst die meiste Zeit seines Lebens ein Schreihals war und sich weiß Gott was auf seine Intelligenz einbildete, fand Worte für den Herbstgesang der Rotkehlchen, wie sie feiner nicht ausfallen könnten. Der berühmte Mann, Nobelpreisträger seines Zeichens, hatte neben seinen permanenten Revierverteidigungsinstinkten feine und feinste Saiten. Je nach Stimmung und Jahreszeit – und Tier, das ihm begegnete – kamen sie zum Vorschein.

«Wir wissen wohl,» schrieb er 1942 in der Zeitschrift für Tierpsychologie, «dass dem Vogelsang eine arterhaltende Leistung bei der Revierabgrenzung, bei der Anlockung des Weibchens, der Einschüchterung von Nebenbuhlern usw. zukommt. Wir wissen aber auch, dass das Vogellied seine höchste Vollendung, seine reinste Differenzierung dort erreicht, wo es diese Funktionen gerade nicht hat. Ein Blaukehlchen, eine Amsel singen ihre kunstvollsten und für unser Empfinden schönsten, objektiv gesehen am kompliziertesten gebauten Lieder dann, wenn sie in ganz mäßiger Erregung, ‹dichtend›, vor sich hinsingen. Wenn das Lied funktionell wird, wenn der Vogel seinen Gegner ansingt, oder vor dem Weibchen balzt, gehen alle höheren Feinheiten verloren, man hört dann eine eintönige Wiederholung der lautesten Strophen. Es hat mich immer wieder geradezu erschüttert, dass der singenden Vogel haargenau in jener biologischen Situation und in einer Stimmungslage seine künstlerische Höchstleistung erreicht wie der Mensch, dann nämlich, wenn er in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt, in rein spielerischer Weise produziert.»

Wenn das nicht zu einem besinnlichen Herbstspaziergang einlädt?! Das tut es wirklich. Deshalb bin ich dann mal weg.

Einen schönen Sonntag wünscht,

herzlich