Hier lang – jetzt

Wir gehen auf einem Grat. Ich bin noch einigermaßen bei Kräften, Günter, der hinter mir geht, ist am Limit. Er wankt. Auf allen Seiten geht es zweitausend Meter in die Tiefe. Ich rufe nach hinten durch den Wind in Günters Richtung: «Hier lang – jetzt!» Der Freund setzt sich in Bewegung und folgt meinem Hinweis.

In lebenswichtigen Situationen tun wir gut daran, das Hier und Jetzt, den Raum und die Zeit unhinterfragt anzunehmen. Beim Klettern sorgen die Instinkte für den richtigen Umgang mit ihnen. Doch sonst im Leben ist das anders geworden. Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen.

Wenn wir nach dem Wesen des Menschen fragen, kommen die Transhumanisten und sagen, es gebe nur den Menschen, nicht auch noch ein Wesen hinter ihm. Wenn wir über das Wesen des Spiels nachdenken, kommt Jane McGonigal aus Silicon Valley und sagt, am Spiel sei einzig wesentlich, dass wir so oft wie möglich am PC sitzen. Und wenn wir das Wesen des Dialogs befragen, steht eine Legion von Kommunikationswissenschaftlern Gewehr bei Fuß und behauptet, sie wisse alles zu diesem Thema, nämlich: Leute, der analoge Dialog ist Geschichte.

Ich träume davon, mit diesen Besserwissern eine Bergtour zu machen. Vielleicht sollten wir nicht auf dem Grat gehen, auf dem gerade Günter hinter mir herwankt. Das wäre zu gefährlich. Günter ist erfahren genug, er weiß, es geht, verdammt nochmal, einfach nur hier lang und dies nur gerade jetzt in diesem Augenblick, sonst fliege ich vom Grat. Die Besserwisser würden vermutlich selbst in einer so lebensbedrohlichen Situation das Diskutieren anfangen und den nächsten Schritt nicht oder anders tun, weil sie alles besser wissen. Aber mit ihnen an einer hohen Abbruchkante entlanggehen, wo sie, wenn sie im falschen Moment einen unpassenden Schritt tun, einige Meter senkrecht auf eine steile Sanddüne zufliegen und tüchtig erschrecken würden und kurzzeitig zur Besinnung über ihr kostbares Leben kämen, das würde mir einen Heidenspaß bereiten.

Zur Sache: Raum und Zeit sind die beiden faszinierenden Phänomene, die sich bei der Frage nach dem Menschen, dem Spiel und dem Dialog nicht wegreden lassen. Genau dies wird allerdings dauernd getan.

Funktioniert aber nicht. Die Idee einer vermeintlich besseren Wirklichkeit der PC-Spiele, mit der McGonigal die Welt missioniert, der so genannte perfekte Mensch der Transhumanisten, die der Schöpfung ein Schnippchen schlagen wollen, und die glückverheißende digitale Kommunikation, die aufrüstet, bis der wirkliche Dialog ausstirbt – diese militanten Glücksverheißungsmaschinen kommen nicht drumherum, vor Raum und Zeit zu kapitulieren. 

Nicht nur der Mensch, das Spiel, der Dialog haben ein Wesen, das im innersten Kern nicht korrumpierbar ist, auch Raum und Zeit haben eins. Ich gebe zu, diese Wesen sind schwer zu beschreiben. Kants Kritik der reinen Vernunft ist nur ein Beispiel für die Schwierigkeit, die Wesenhaftigkeit von Raum und Zeit zu beschreiben, die Phänomenologie Husserls wäre ein weiteres. Sie zeigen zur Genüge, wie schwer es wird, wenn wir Raum und Zeit auf den Grund gehen wollen.

Ich muss das alles aber gar nicht studieren. Ich muss noch nicht einmal mit Günter über diesen abgründigen Grat klettern. Ein bisschen die Nase in den Wind recken, einmal zur Türe raus in den Wald am Stadtrand oder auch nur vors Haus und schon geht es los mit der Wirklichkeit der Welt, die voller Wesen ist. Dann sehe ich, wie ich so dastehe, die Nachbarin am Gartenzaun und wir kommen ins Gespräch. Was da alles passiert. Überhaupt, was doch so alles passiert, wenn wir uns analog, ungeschützt, unvollkommen, einfach so, erwartungslos aufmerksam in die Wirklichkeit stellen! Hast ich da Lust perfekt zu sein? Ist mir da noch der Sinn danach, die Tastatur noch schneller zu bedienen als irgendwie möglich? Oder ist mir da der Sinn nach einer Sprachnachricht, die das Plaudern am Gartenzaun ersetzt?

A propos, Wolfram Ellenberger hat sich im Philosophiemagazin (Februar/März 2020) dazu die Bemerkung erlaubt: «Eine Sprachnachricht ist in Wahrheit nichts anderes als eine schlampige Schriftnachricht in Form der zur Zumutung gewordenen wörtlichen Rede. Was sich auf Empfängerseite darin beweist, eben jene Message, die man als Text auf einen Blick hätte überfliegen können, nun qualvoll bis zum Ende anhören zu müssen.»

Der Mann ist vermutlich ähnlich alt wie ich, also viel zu alt für diese rasante, alles relativierende Welt. Er glaubt an die Wahrheit. Ich glaube an Wesen. Und was das Wesen von Raum und Zeit angeht, glaube ich sogar, dass wir das Beste über sie noch gar nicht wissen.

Mit Gruß,