Das Rettende

DIe junge Mutter hat unser volles Vertrauen. Wenn sie uns mit ihrem dunkeläugigen Mädchen, das schon in den Kindergarten geht, und dem kleinen Jungen, der die gleichen Augen hat wie sie und eben erst das Gehen gelernt hat, besucht, geben wir uns Mühe, alle drei zu verwöhnen. Jeder ihrer seltenen Besuche ist wie eine Feier.

«Wir leben in einer unmenschlichen Zeit,» sagte die Mutter traurig und erzählte, was ihr mit den Kindern in den letzten Wochen so passiert war. Es klang nicht anklagend, sondern eher feststellend, aber eben traurig.

Dann erzählte sie vom Laternenumzug im Kindergarten. Sie als Mutter durfte nicht mit. Die anderen Mütter und Eltern auch nicht. Sie warteten beim Kindergarten und holten ihre Lieblinge nach dem Umzug dort ab.

Als die Kinderschar mit ihren Erzieherinnen aus dem Wald gekommen sei, langsam und vorsichtig ihre Laternenlichtchen vor sich hertragend, seien ihr die Tränen gekommen, erzählte die junge Mutter. Dieses warme und erhabene, in sich stimmige Bild in unserer so zerrissenen Zeit, das hatte sie sehr berührt.

Dass die Kinder ihren Umzug für sich hatten und nur mit den beiden Erzieherinnen und den Erzieher unterwegs waren, das war für diese Mutter ein besonders warmes Licht, sie sagte: ein Geschenk, das über der ganzen Erscheinung spratzelte.

Beim Zuhören dachte ich einen Moment lang an Hölderlin und dachte sofort, na, Hölderlin ist jetzt aber vielleicht nicht ganz passend, ich meine Hölderlins Spruch, wo Gefahr sei, wachse das Rettende auch. Die Eltern sind selbstverständlich nicht primär ein Symbol für Gefahr, Erzieherinnen andererseits sind selten genug die Rettenden, leider. So meint‘ ich’s nich, is ja klar. Aber ist es nicht so, dass gerade in schwierigen Zeiten manchmal Neues, nämlich auf eine neue Art und Weise Menschliches zwischen uns tritt?

Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, kommt mir neben Hölderlin ein anderer Dichter, Hugo von Hofmannsthal, in den Sinn. In seinem Drama Der Turm kommt in der ersten Fassung des Schauspiels am Schluss des Stücks der Kinderkönig auf die Bühne, ein weiß gekleidetes Kind, umgeben von einer gleich gekleideten Kinderschar. Es tritt langsam aus einem Wald heraus, wo bis gerade eben grausame Dinge passiert sind, und bringt den Menschen einen Frieden, wie ihn nur Kinder um sich sich haben.

Liebe Grüße,