Hundertster Geburtstag von Renate Riemeck

Heute vor genau hundert Jahren kam Renate Riemeck in Breslau, Schlesien, auf die Welt. Ich trat zufälligerweise um Punkt zehn Uhr aus dem Haus, um zu Fuß durch die sonntäglich ruhige Stadt zu gehen und in der Innenstadt einen Vortrag über Renate Riemeck zu halten. Im nahen Kirchturm läuteten die Glocken zum Gottesdienst. In meinen Ohren klangen sie wie zu Ehren von Renate Riemeck.

Auch wenn ihr eine solche Ehrung durchaus anstünde – Kirchenglocken passen eigentlich wenig zu dieser kirchenkritischen Frau. Sie war zeitlebens eine Infragestellerin der Machtfunktionen von Kirche und Staat. Sie hielt es mit dem ihr gut vertrauten Gustav Heinemann, der einmal sagte, er liebe nicht den Staat, sondern seine Frau. Was die Kirche angeht, sagte Renate Riemeck genügend Sperriges, um daraus mit Leichtigkeit ableiten zu können, dass sie keineswegs die Kirche gleich welcher Couleur liebte, sondern vielmehr Menschen, die vorlebten, was die verschiedenen Kirchen auf der Erde ihren Schäfchen zu leben befehlen.

Mir gefällt an Renate Riemecks Leben, dass ich von diesem Leben beeindruckt bin, ohne darüber in Begeisterung oder einseitige Bewunderung ausbrechen zu müssen. Die Historikerin, Pädagogin, Politikerin und Autorin und ihres Zeichens Ziehmutter von Ulrike Meinhof und deren Schwester Wienke (die als Jugendliche Vollwaisen geworden waren) zeigte so viele verschiedene menschliche Seiten, dass ich an ihr keineswegs alles blind verherrlichen muss, wie dies bei anderen großen öffentlichen Gestalten immer wieder und recht leicht geschieht.

Vieles und Zentrales ist im Leben und Denken von Renate Riemeck ungebrochen aktuell. Gerade heute und angesichts der heutigen Zustände, was das ‚Zusammenleben‘ von Staat und Individuum betrifft, greife ich mit großem Gewinn auf ihre Gedanken zurück. 

Renate Riemeck hatte klare Entwicklungsziele sowohl für Deutschland als auch für die ganze Welt, die damals im Kalten Krieg erstarrt und zur Handlungsunfähigkeit verurteilt waren. Wer sich mit diesen Zielen der Friedensaktivistin vertraut machen will, wird einen Gewinn davon haben, sich in ihre Bücher und Reden zu vertiefen.

Dies am Tag ihres hundertsten Geburtstag in einfachen Worten zu sagen, freut mich.

Mit guten Gedanken, herzlich