Im Kämmerlein

«Tritt ein in dein Kämmerlein, flieh den Lärm der Welt, werde ruhig und übe dich in Schweigen.»

Ungefähr so beginnt ein folgenschwerer mittelalterlicher Text des Kirchenmannes Anselm von Canterbury. Folgenschwer deshalb, weil die Einkehr, zu welcher der Autor seine Leser ermuntert, bei ihm selbst eine Gottesschau auslöste. Er glaubte Gott durch das Denken bewiesen zu haben – ein unglaubliches Glücksgefühl für einen Menschen im Mittelalter.

Die Kunst, mit sich allein im Kämmerlein beschäftigt zu sein, heute würden wir sagen, in den eigenen vier Wänden, diese Kunst hielt sich über Jahrhunderte.

Der Philosoph Pascal, der sich bestens in der Stille mit sich selbst und seinen Gedanken beschäftigen konnte, wies einmal darauf hin,  das Ziel einer gelungenen Erziehung sei die Fähigkeit, zufrieden und mit sich allein in einem Kämmerlein verweilen zu können.

Damals zogen sich nur Menschen in die Stille zurück, die auf ihren Gedankenwegen weiter kommen wollten. Heute eilen die meisten ohne Gedanken vorwärts. Was sie überhaupt nicht wollen, ist alleine irgendwo in einem Raum zu sitzen – außer vielleicht es hat genügend Steckdosen und schnelles Netz, aber darauf wollte ich jetzt nicht hinaus.

Mir haben die Texte von Anselm immer schon gefallen. Und Pascal ist für mich eine Greencard in die Tiefen des Denkens. Ich habe beiden lange nachgeeifert, mich mit ihnen beschäftigt – meist im stillen Kämmerlein, allein, einigermaßen zufrieden, immerhin.

Das macht Laune. Das zaubert den Kosmos an den Horizont des eigenen Lebens. Das sind große Dinge. Und über viele Jahrhunderte waren die Menschen darin aufgehoben, viele von ihnen, die meisten. Und zogen sich freiwillig hinter Türen und Mauern zur Andacht zurück. Jetzt wird Ähnliches verordnet. Und just bleibt dabei die Freiheit draußen vor der Tür.

Wenn ich mich aus freiem Verzicht zu meinen Gedanken zurückziehe, dann strahlt über diesem Tun eine Gnade. Allerdings nur dann. Vorerst.