Immunisiert

Wer meint, ich würde unter diesem Titel die Pandorabüchse der Impffrage öffnen, wird enttäuscht. Vielmehr gehe ich mal wieder in die Vergangenheit und denke kurz an den Schriftsteller Martin Walser, inzwischen ein alter und schon lange ein sehr berühmter Mann. 

Auf die Frage, ob von Deutschland heute noch eine Gefahr ausgehe, antwortete der Schriftsteller mit einer medizinischen Metapher. Einer Bevölkerung, die so was Fürchterliches wie das Dritte Reich hinter sich gebracht habe, wie die Deutschen, könne so etwas nie wieder passieren, sie seien dagegen immunisiert.

Das ist eine gute Botschaft, die heute, zwanzig Jahre nach dieser Aussage Walsers, hoffentlich immer noch und ihre Berechtigung hat. Das ist das eine. Das andere ist, dass man heute mit Worten wie ‹Immunisierung›, ‹immun›, ‹Herdenimmunität› extrem vorsichtig umgehen muss und sie, wenn man seine Ruhe haben will, am besten hinunterschluckt. Insgeheim schlucke ich zwar auch Echinacin-Tabletten runter, beziehungsweise ich lutsche sie, nämlich immer dann, wenn mir Schwäche droht und ich den Eindruck habe, dass ich mich vielleicht erkälten könnte. Dann aktiviere ich mein Immunsystem und komme so meist gut über die Runden und durch den Winter.

So zu sprechen ist, wie gesagt, zur Zeit, ich sage mal «zur Zeit» gefährlich. Es klingt, als würde ich die vage Sicherheit, die mir meine Immunisierung gibt, mit dem sicheren Fall einer Impfung vorziehen. Auch das Wort ‹Herdenimmunität› erfreut sich keiner allzugroßen Beliebtheit. Drei hochkarätige Wissenschaftler der renommierten Universitäten Oxford und Stanford hatten das Prinzip der Herdenimmunität unlängst in ihrer renommierten Great Barrington Declaration zum Ausdruck gebracht. Inzwischen ist eine Gegenpetition in der renommierten Zeitschrift The Lancet erschienen. Renommierter kann es eigentlich nicht mehr zugehen.

Mehr gibt es für mich zur Sache nicht zu sagen, momentan. Ich warte hemdsärmlig auf den Frühling. «Gottlob gibt es Dinge, womit alle einig gehen und hübsch miteinander übereinstimmen,» sagte der große Dichter Robert Walser einmal und meinte damit unser aller Vorfreude auf den Frühling.

Solche Vorfreuden stärken, unter uns gesagt, das Immunsystem, der Rest bleibt Verhandlungssache.

Herzlich,