Instinkt für unsere Herkunft entwickeln

Der amerikanische Autor Thomas Berry schrieb Bücher über die Evolution des Universums und über unsere neuen Aufgaben als Einzelmenschen und als Menschheit im Antthropozän, einer Zeit, in der das Überleben der Erde in die Geschicke der Menschen gegeben ist.

In diesem Zusammenhang schrieb Berry in seinem Buch The Great Work über die Aufgabe der Universitäten und Schulen der Zukunft. Sie hätten nur noch eine einzige Aufgabe. Ihre Aufgabe sei, im Menschen die Beziehung zu seiner Herkunft, dem Universum, wiederherzustellen. Diese Beziehung sei verlorengegangen. Deshalb würde unser Planet geplündert und zerstört wie noch nie zuvor.

Die Tatsache, dass über diese Sachlage gestritten und von Menschen behauptet wird, es liege eine solche Plünderung gar nicht vor, denn die in der Erde schlummernden Vorräte und die von ihr aktuell dauernd neu geschaffenen Ressourcen seien unerschöpflich, sind für Berry der Beweis für den hohen Grad der Entfremdung zwischen uns und der Welt. Allein schon die Bezeichnung ‹Vorräte› ist ein Indiz dafür. Sie erinnert an Bedienregale, suggeriert ein Bild vom Planeten als einem riesigen, nur für den Menschen gemachtes, nach den Regeln des optimal vernetzten Marktes zu plünderndes Bedienregal.

Was ist dem entgegenzusetzen? Schulen und Universitäten müssen hier ein bis in den Nerven- und Muskelapparat zurückwirkendes Impulsieren der Lebenszusammenhänge schaffen, in denen wir Tag und Nacht, in denen wir mit jedem Atemzug, ganz real mit jedem neuen Atemzug drinstehen. Für diese Aufgabe sind 99% der heutigen Lehrkollegien unadäquat ausgerüstet. Oder, anders formuliert, 99% der heute an Schulen, Kitas, und Universitäten angestellten Lehrkräfte haben ihren Beruf verfehlt – Berry lässt sich durchaus so drastisch interpretieren.

Bei der Frage, wie die eigentliche heutige Aufgabe der Menschenschulen aufgegriffen werden könnte, geht mir die Fantasie aus. Geht es euch da anders? Berry fordert ganz neue, mit diesem Gefühl oder, wie er sagt, Instinkt ausgerüstete Lehrkräfte. Wo sind sie? Wo gibt es sie? Keine Vorstellung.

Nehmen wir die Kinder zu Hilfe, lassen wir sie auf die Suche gehen nach diesem universalen Kosmostrieb. Lasst uns sie beobachten, wo sie hinlaufen würden, wenn wir sie lassen würden. Zum Beispiel in Berlin beim Spaziergang einer Kindergartengruppe mitten durch die Stadt oder bei einer Vesperpause in einem heruntergekommen kleinen Park. Sie rennen zu den Müllmännern und Müllfrauen, die mit rigoroser Energie die Gehwege und Bänkchen vom Menschenmüll säubern. Sie sind tausendmal interessanter als die Erzieher und Erzieherinnen mit ihren überall mitgeführten didaktischen Zurüstungen, Einschränkungen, Maßnahmen, Vorsichtsmaßregeln und Besserwissereien.

Am allerattraktivsten sind für die meisten Kinder bei der Ausbildung ihres Instinkts für das Universum die Leute von der städtischen Abfallwirtschaft, die mit einem kleinen lärmenden Auto im Schrittempo von Stein und Baum zum nächsten Stein und Baum tuckern und unterwegs mit Stecken die Hundescheiße auf Schäufelchen schieben mitnehmen und in dieses stinkende Gefährt kippen. Sie seien die «Männer der Zukunft», hatte Joseph Beuys einmal über solche Müllmänner gesagt. Sie waren für diesen Univerumsfanatiker die Verkünder einer neuen Welt und aller damit verbundenen Rückanbindungen an ein altes Lebensgefühl.

Ein kleiner Anfang wäre damit gemacht. Wer neben diesen Müllsammlern weitere neue Lehrkräfte in den Kinder- und Erwachsenenuniversitäten zur Ausbildung eines Instinkts für das Universum wären, das wäre noch rauszufinden. 

Für die Aufzählung weiterer Berufssparten habe ich jederzeit ein offenes Ohr,

herzlich