Irgendwie Senklage


Als ich kürzlich das Wort ‚Infodemie‘ – eine Wirkung der Pandemie – kennenlernte, dachte ich, ah, die wiedererstandene Lebendigkeit des gesellschaftlichen Lebens äußert sich in form neuer Begiffe. Daraus leitete ich allerdings nicht ab, mehr Radio zu hören oder sonst mich um die neuen Begrifflichkeiten zu kümmern. Doch inzwischen höre ich von neuen Parteigründungen, den abenteuerlichsten neuen Communitites und natürlich auch von lauter neuen Produkten.
Auch gibt es einen neuen gigantische,n rund um die Welt wachsenden Müllberg, die Gesichtswindeln. Eine Opernsängerin in Salzburg hat ein Modegeschäft und produziert inzwischen Edelgesichtsmasken in besonderen Farben, Formen und Perisstaffelungen. Ich sehe mit Vergnügen, wie alle anderen und ich auch um ein anständiges Erscheinen bemüht sind, oft genug auch um ein originelles. Wenn wir schon alle zu halbvermummten Zeitgenossen und unfreiwilligen Terrorverdächtigen mutieren, dann bitte mit Stil und den Gesetzen des Individualismus. Möglichst keine Einheitsmasken. In der ehemaligen DDR hätte es vielleicht nur ein Modell gegeben, oder, wie in mit dem Trabi und dem Wartburg, zwei. Ich habe nicht nur eine individuelle Maske, ich habe sogar zwei, die ich allerdings in entscheidenden Momenten meiner öffentlichen Auftritte, als hätte ich da einen psychoanalytisch erklärbaren Verdrängungsmechanismus, jedesmal partout vergesse. Ich will vermutlich einfach nicht so sein wie alle die anderen.


Individuum und Masse, über dieses altbekannte und in vielen Büchern abgehandelte Thema werden in diesen Wochen unzählige neue Nuancen entdeckt. Ich glaube an mich als Indivduum, auch in dieser Zeit mit ihren anitindividuellen Gesichtszügen. – Und, leider muss ich mir das voll eingestehen, ich funktioniere gleichzeitig nach allen Regeln der Masse. Habe mir sogar eine mich selbst mehr als halbwegs überzeugende Strategie zurechtgelegt: Ich handle nach den neuen Massegesetzen, weil ich die Bemühung der Politiker und alle die Leute, die sich daran halten, respektiere. Wenn Respekt eine Mangelware in unserer Zeit sein sollte, an mir wirds nicht liegen.


Und dann steht in mir ein altes Bild auf, ich habe es in Herman Melvilles Roman Moby Dick kennengelernt und werde es so wenig los wie die Menschheit zur Zeit ihre globale Mundwindel los wird. Ismael erzählt in diesem ausschweifenden Buch einmal, was ihm auf offener See so alles begegnete. Unter anderem hatte er einmal ein Schiff gesehen, das, wie er von weitem erkannte, schräg im Wasser stand und kurz davor war, umzukippen, um dann für immer im Meeresschlund zu verschwinden. Als sein eigenes Schiff, die alte treue Pequod, näher an das Schiff herankam, erblickte Ismael erstaunt eine Abordnung Matrosen, die, wie immer morgens um zehn, auch an diesem Morgen in unbequemer Lage hingebungsvoll das Deck schrubbten, gehorsam und originell bis zum letzten Atemzug.