Kampfesmüde

Was muss alles passieren, dass jemand ‹kampfesmüde› ist? Ist das Leben ein Kampf? Ist es nicht schon grundfalsch, das Kämpfen zu einer Maxime des Lebens zu machen?

Robert Seethalers neues Buch  Der letzte Satz – eine Reaktion in mir war: Ich bin des Kampfes müde. Das ist auch just das Thema des Buches selbst, es geht um die letzte Reise Gustav Mahlers vor seinem Tod und um entsprechende Rückblenden des todkranken und kampfesmüden Musikers. Dennoch, als ich darin las, bemerkte ich, es gehört zu den Büchern, bei denen mich ein schales Gefühl beschleicht. Und wenn ich dann zum Urteil komme: Gut gemacht, zweifelsfrei, in der durchgängigen Reduktion auf das Wesentliche konzentriert, doch in mir ist die Frage, was wäre, wenn es dieses Buch nicht gäbe? 

Wenn ich diese Frage in mir hochkommen fühle, fühle ich mich kampfesmüde. Literatur ein Kampf und Krampf, ein Ringen um etwas, wo es ums Letzte geht, um die größte Liebe, die unmöglichsten Unmöglichkeiten, die unglaublichste Geschichte, den größten Schmerz, die einmaligste Unüberbietbarkeit von Einmaligkeit, ein Rühren an den großen platonischen Ideen, ein permanentes Suchen des sprachlichen Ausgleichs zwischen Apollinisch und Dionysisch? Ja, dies und Nichts außerdem, wie Nietzsche vermutlich sagen würde.

Deshalb Moby Dick, Grande Sertão, meinetwegen die Bibel, sage ich. Aber Der letzte Satz von Robert Seethaler? Wirklich? Oder doch eher ein entschiedenes Nein?

Wenn ich unsicher bin, konsultiere ich die Kritiken. Es sei «die große Kunst der Verdichtung, die Robert Seethaler wie kaum ein anderer Schriftsteller beherrscht und die diesen schmalen Roman zu einem wundervollen Meisterstück des Abschieds macht», lese ich und werde darüber belehrt, dass der Autor «auf jedes feuilletonistische Schweifen» verzichte. Wenn ich so etwas lese und auf meine eigene Leseerfahrung lege, weiß ich, so könntest du jetzt beliebig viele Rezensionen lesen und alle widerlegen dich und vertreiben dennoch dein schales Gefühl nicht.

Zu mir und meinem Gefühl, auf das ich mich zuletzt mehr verlasse, verlassen muss als auf sämtliche Rezensionen, gibt es ebenfalls ein ‹Dennoch›: Der Nachklang von Seethalers neuem Buch ist gut. Erstens war überhaupt ein Nachklang und der war ruhig und anregend, wie ein liebgewonnenes Getränk. Er rührte an die im Buch dargestellten Figuren, an Mahler, den Schiffsjungen, auch sehr an Alma und die Kinder, an die Frage der jüdischen Existenz und vor allem an die Frage ‹Was ist Musik und was tut sie mit uns›.

Hat sich das Lesen also doch gelohnt? ‹Gelohnt› – ein genau so unpassendes Wort im Umgang mit Literatur wie ‹kampfesmüde›.

Herzlich