Verzicht-Ökonomie

Mein Buch über Goethe vor zwei Jahren sollte, wenn es nach mir gegangen wäre, den Titel Ökonomie des Verzichts erhalten. Obwohl ich der Autor war, ging es nicht nach mir, sondern es wurde danach geforscht, was auf dem Markt gefragt sein könnte und wo mein Buch hinzu passen würde und danach richtete sich dann der Titel.

Nun hat das Buch einen ganz anderen Titel erhalten, auch wenn es in ihm von vorne bis hinten um die neue Qualität des Verzichtens geht. Das Thema wird wieder aktuell sein, sobald Corona keine Schlagzeilen mehr wirft. Die Verzichtthematik geht direkt aus den Coronaerfahrungen hervor, sie ist eine direkte Folge davon. Wir werden gut daran tun, das Thema nicht noch länger zu verdrängen.

Durch Corona kam eine Art Mangel über uns Menschen, weltweit. Für manche existentiell und extremst einschneidend, für andere zumindest existentiell. Mangel ist etwas anderes als Verzicht, wenn auch mit den manchmal gleichen Folgen. Mangel ist schlecht für uns, weil er Instinkte zur Mangelbehebung weckt – und diese sind, wenn der Mangel groß ist, abgrundtief und manchmal jenseits aller sozialen und menschlichen Verträge.

Verzicht kann die gleichen positiven Effekte generieren wie der Mangel, doch während ich Mangel erleide und Sündenböcke dafür suche, ist Verzicht ein Bewusstseinsleistung und ein aktiver Entschluss meinerseits. Der Mangel an Reisemöglichkeiten, weil das Reisen untersagt und damit zur Mangelware geworden ist, bringt es mit sich, dass die dadurch entstandene Verkehrsberuhigung eine Umweltentlastung bedeutet. Der Verzicht bringt den gleichen Erfolg, doch wenn wir auf Reisemöglichkeiten verzichten, erfüllt uns das Entbehren mit Freude. Auch die Folge unserer Verzichtleistung ist ein Aufatmen, wie der Mangel, wenngleich, wie gesagt, diametral anders. Die Natur und unsere Freunde, die Tiere und Pflanzen, bekommen durch unser aktiv gestaltetes Leben wieder ihre Lebensberechtigung.

Auch im Sozialen ist der Unterschied zwischen Mangel und Verzicht riesig. Der Mangel an Sozialkontakten macht viele Menschen depressiv. Auf Sozialkontakte aktiv verzichten, heißt, dass ich sie qualitativ aufwerte, Begegnung konzentriere und damit anders, intensiver lebe …

Wäre mir vor zwei Jahren klar gewesen, wie schnell durch die Coronamaßnahmen Mangelerscheinungen auftreten und dadurch die Verzichtfrage nach oben gespült würde, hätte ich mein Buch gegen jeden anderen Titel verwahren und stattdessen durchdrücken müssen, dass es entweder unter dem passenden Titel Ökonomie des Verzichts erscheint oder gar nicht.

Im Nachhinein bin ich klüger. Dieses kluge Gesetz verhindert nicht, dass ich im Moment des Entscheidenmüssens einen Fehler gemacht habe.

Mit Gruß