Lasch, Herr Lesch

Es ist faszinierend, mit welcher Geistesgegenwart dieser Mann in Vortragssälen, auf dem Katheder, vor laufenden Kameras spricht. Bei Harald Lesch ist das, als würden ihm jetzt im Moment die passendsten Formulierungen und Einfälle, die sinnträchtigsten Bilder und unüberbietbar guten Ideen haufenweise ins Hirn einschieße. Und dabei wird immer auch gleich die ganze Palette passender Wörter dazu geliefert, und dies wiederum werden unterfüttert mit sinnvollen Gesten, Augenrollen, Pathos, also langweilig wird es da nie. Oder doch?

Wie er uns zur Besinnung und zur Umkehr aufruft, wenn es um die Klimafrage geht! Manchmal ist er wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Und gleich welches Thema er am Wickel hat, er beleuchtet alles stets mit der scharfen Lampe der Wissenschaft, mit welcher er in jede pervertierte Hirnrinde des homo sapiens hineinleuchtet und Fehler in den Köpfen der anderen entdeckt.

Die Lampe der Wissenschaft, auf sie  verlässt er sich auch bei der Frage um die Corona–Impfung. Da allerdings ging meine Faszination und mein Staunen über so viel Scharfsinn langsam in den Keller und machte einer Fragehaltung Platz. Lesch äußerte sich in einem Video begeistert über die Kunst des Impfens. Sie sei ein Segen für die Menschheit, ganz allgemein. Und plötzlich wird der Mann resolut und lässt keine fragenden Zwischentöne mehr zu, das ist eh seine Sache nicht. Und Leute, die bei der Impffrage einen fragenden Unterton beilegen, lässt er flott über die Klinge springen, sie sind eben keine Wissenschaftler, das genügt, um das, was sie denken, einschätzen, beurteilen und verurteilen zu können. In Leschs Beitrag zur Impffrage hören wir: «Wir sind auf dem Weg zum Kriegsgewinn gegen das Virus.» Beim Impfen gehe es «um eine grundlegende wissenschaftliche Durchdringung eines Jahrtausende alten Rätsels» ja um «ein Mysterium förmlich», und die Wissenschaft hat das Mysterium gelöst und den Menschen Glück und Stabilität gebracht. Warum ich das alles zitiere, hat seinen Grund in der nun folgenden, jede wissenschaftliche Genauigkeit in den Wind schlagenden Bemerkung: «Dadurch, dass wir uns impfen lassen, werden wir wahrscheinlich verhindern, dass wir andere anstecken. In diesem Sinne ist sich impfen lassen gelebte Solidarität.»

Er sagt an entscheidender Stelle «wahrscheinlich» und geht dabei nicht etwa in eine Fragehaltung, sondern holt zu Totalaussagen aus, die den Begriff der Wahrscheinlichkeit ins Absurde verdrehen.

Wahrscheinlich treffen wir auf dem Mars Böden an, auf denen wir Kartoffeln pflanzen können! In diesem Sinne ist die Raumfahrt gelebte Solidarität!! Oder: Wahrscheinlich lassen sich Menschen durch Zwangsjacken endgültig sedieren! In diesem Sinne ist die Psychiatrie gelebte Solidarität!! Und so weiter.

Die beiden Beispiele klingen so, als wollte ich Harald Lesch lächerlich machen. Klar gibt es diese Böden auf dem Mars nicht – aber wie lange hat uns die Wissenschaft der Raumfahrt das Blaue vom Himmel versprochen, wenn es um die Besiedlung von Planeten ging. Klar sind Zwangsjacken etwas vom Grausamsten, was in der Psychiatrie je gegen Menschen unternommen wurde – aber damals, als Zwangsjacken noch als Heilmittel im Einsatz waren, waren die Wissenschaftler, die das vertreten hatten, genauso arrogant wie viele Wissenschaftler heute arrogant sind.

Wenn mir jemand die Coronaimpfung als gelebte Solidarität ins Gewissen redet und sagt, dass ich durch meine Impfung wahrscheinlich dafür sorge, dass ich nicht mehr eine Ansteckungsgefahr für andere sei, kommt das bei mir so an wie wenn mir in meiner Jugend Freunde beim Basteln von Sprecngkörpern sagten, ich solle jetzt einfach mal so ein Cocktail in die Hand nehmen und die Lunte zünden, sie sei wahrscheinlich lang genug, um sie eine Weile in der Hand zu halten und dann  wegzuschmeißen, damit sie weit genug von mir entfernt explodiere. Ich hätte mich nicht darauf eingelassen und den Sprengkörper in die Hand genommen, schon damals nicht. Und heute auch nicht, auch nicht, wenn ich ein kluges Video anschaue. Wenn mir heute ein Wissenschaftler, der nichts anderes tut als in eng getakteten Abständen immer wieder daran zu erinnern, dass er ein Wissenschaftler sei, wenn mir also dieser ‹Wissenschaftler› sagt, wahrscheinlich sei ich durch die Impfung keine Ansteckungsgefahr mehr für andere, dann hat er mir das Einfallstor für alle anderen Wahrscheinlichkeiten geöffnet, die ich zu diesem Thema in letzter Zeit gehört habe. So die Aussage, dass wir mir großer Wahrscheinlichkeit noch mit Überraschungen bei den Nebenwirkungen zu rechnen hätten, wel dazu die Ergebnisse noch nicht da seien, oder dass eine Impfung wahrscheinlich einen alles andere als  zu vernachläßigenden Prozentsatz von Menschen nicht immun mache gegen das Virus, sondern niederstrecke, weil ihr Immunsystem wegen der Impfung kollanbiere und so weiter. 

Ich staune, mit wie wenig Statistik Herr Lesch bei diesen wissenschaftlich doch so diffizilen Angelegenheiten auskommt. Eigentlich bringt er gar keine, aber viel Pathos und Dampf. Doch das erinnert mehr an den oben erwähnten Rufer in der Wüste, der eine neue Religion ausruft, nicht an Wissenschaftler.

Mit skeptischen Grüßen