Lügen oder Lücken, beides unmenschlich

Schade, er habe etwas anderes gemeint, sagte C., als er sich im Fernsehen das Interview sah, das mit ihm gemacht worden war. Es sei ja nicht gelogen, was da gesendet worden sei. Was ausgestrahlt worden sei, habe er schon gesagt, auch gesagt, aber was er gemeint habe, sei durch die bewusst gefilterte Wiedergabe entstellt und in ein anderes, von ihm nicht beabsichtigtes Licht gerückt worden. Absichtlich, wie er nüchtern meinte.

Ob Lügenpresse oder Lückenpresse, vielen Presseleuten geht es um das, was sie sagen wollen, nicht um das, was andere sagen. Und sie hören in dem, was die anderen sagen, nur das, was sie gesagt hätten. Die Lückenpresse holt aus ihren Weltbegegnungen also, genau wie die Lügenpresse, punktgenau das heraus, was sie von Anfang an hineingeben wollte. Das, was ihrer Meinung nach die Wahrheit ist. Wer gegen solche Machenschaften konfrontativ angeht, ist verloren, macht sich lächerlich, setzt alles ein, um alles zu verlieren. Ulrike Meinhof in den Zeiten ihrer scharfen journaistischen Analysen hatte diesen Einsatz versucht und das, was sie wollte, aus den Augen verloren.

Vielleicht gar nichtz so sehr beim Endresultat gibt es zwischen Lügenpresse und Lückepresse einen Unterschied, sondern nur in der Energie, die hinter dem jeweiligen Tun verborgen liegt. Die Lügenpresse geht mit Kreativität vor, mit Witz, mit Hinterhalten, mit Ideen, mit Teilen der Realität. Hauptsache es kommt keiner dahinter und das Endresultat wird geglaubt. Will ich wirklich wissen, was Claas Relotius zur Zeit gerade macht? Nein, das will ich nicht wissen. Soll er sich weiter irgendwo von irgendwem feiern lassen, ich gucke da nicht hin. Jedenfalls, die Lügenpresse nutzt, vorsätzlich und mit Kalkül, eben die kriminelle Energie der Lügen. Und sie weiß, dass sie lügt.

Die Lückepresse hingegen hat nichts als die Wahrheit im Sinn, ihre Wahrheit, aber die Wahrheit. Sie lügt nicht und erzielt dennoch den gleichen Effekt wie die offensichtlichen Lügner. Mitten im Satz sei seine Rede ausgeblendet worden, meinte C. erstaunt, und damit sei ein ganz anderer Sinn herausgekommen. Er rieb sich die Augen. Jetzt hatte er vor laufender Kamera etwas gesagt, das er gar nicht gesagt beziehungsweise nicht gemeint hatte.

Was hätte er besser machen können? Nicht das Fernsehen reinlassen – wäre dieser Tipp in Ordnung? Am besten halt überhaupt nix mehr sagen, ist das die Lösung?

Wie kann Schadensbegrenzung realisiert werden, wo eine schädliche Entgrenzung das Ziel ist?

Nicht immer sind Fragen schon der Anfang der Lösungen, wie die eben gestellten Fragen zeigen.

Gruß