Lügenpresse

Ein Spiegel? Je nach dem kommen ganz andere Antworten bei dieser Frage heraus. Unser gespiegeltes Bewusstsein. Die Wahrnehmungen, die wenig mit Wahrheit und viel mit Spiegelungen zu tun haben. Der Blick in den Spiegel, bei dem ich nicht mich, sondern mein Spiegelbild sehe.


Und dann gibt es den Spiegel, die Wochenzeitschrift in Deutschland. Die Steigerung. Riesenauflage. Ein Heer von Redakteurinnen, Reportern und Schreiberlingen. Jede Woche tanzen sie um das Goldene Kalb ihrer Spiegel-Wahrheiten. Sagen den Weltuntergang voraus. Verdienen mit ihrem Zynismus Geld. Der Spiegel lebe «aus einem mit großem handwerlichen Geschick betriebenen Verzicht auf ein Koordinaten-System der Werte, er ist ein periodisches Vakuum der Werte, ein Ballett, das wöchentlich zu einem Stiptease der Werte antritt», das Ergebnis von «Konformisten, die sich dank einem wunderlichen Selbstmissverständnis als Nonkonformisten empfinden.»


Das Worte «Striptease», das der Autor benützt hat, zeichnete ihn damals als fortschrittlich aus. Die obigen Zitate sind über sechzig (!) Jahre alt, da kamen gerade erst die ersten Amerikanismen über den Atlantik. Die Kritik am Spiegel von Winfried Martini erschienen 1960 im Buch Freiheit auf Abruf. Martinis Worte waren eine Kampfansage. Sie blieb ergfolglos. Seit über sechzig Jahren operiert das Blatt erfolgreich, jedenfalls weitgehend unangefochten mit den von Martini beschriebenen Mechanismen, schmeißt mit ihren Werte-Tisch-Bomben um sich und macht ehrenwerte Initiativen von Menschen und Menschengruppen mit Werten lächerlich, ein bisschen wie die ebenfalls überaus konformistischen Jäger, die mit dem Bleigewehr auf Spatzen schießen.

Gruß