Luft anhalten

Einen Zeitschriftenbeitrag von mir zur gegenwärtigen Wirtschaft endete mit einem Lamento darüber, dass die Macht der Wirtschaft «mit eisernem Griff» unser Leben dominiere.

Diese deprimierende Bemerkung provozierte. Ich wollte das nicht, sondern war schlichtweg zu keiner positiveren Schlussbemerkung fähig. Ich sehe darin meine Verzweiflung, gegen die mit Worten anzukämpfen ich keine Veranlassung, keine Kraft verspürte. Die Redaktion druckte den Satz ohne Skrupel, ein Zeichen für die melancholische Stimmung, die vorherrscht.

Bald nach Erscheinen des Beitrags meldete sich jemand aus Berlin. Am eisernen Griff hege er «keinen Zweifel», schrieb er, «aber was lebt darunter?» – Diese Frage war für Herrn W. keine wirkliche Frage, sondern der Startschuss für Feststellungen, die mich über die Negativität meiner Gedanken beschämten. Es gebe doch überall ehrliche Bemühungen um menschengerechte, sachliche Problemlösungen, die Zivilgesellschaft sei auf allen Wegen «längst unterwegs». Die einen würden «für ein staatsunabhängiges Bildungswesen» arbeiten, andere seien mit der Gründung von «freien Schulen und Universitäten und anderen freien Bildungs- und Sozialeinrichtungen» zugange und nochmals andere «arbeiten für die Ergänzung und Wiederbelebung der Demokratie durch Volksgesetzgebung, für größere Transparenz gegen den Lobbyismus und die Lebensmittelvergiftung. Und schließlich gründen immer mehr Unternehmer solidarisch arbeitende Wirtschaftsbetriebe, die nicht mehr für die reine Profitmaximierung, sondern für den Bedarf und das Gemeinwohl tätig werden wollen.»  Ich las von Frederic Laloux, der Großbetriebe untersucht hat, in denen Verwaltungshierarchien abgebaut wurden, was die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen seither mit großer Lebens- und Arbeitsfreude erfüllt. Zum Schluss erinnerte Herr W. in seinem Brief an ein halbes Hundert Ethikbanken in aller Welt, die «für eine solidere Geldordnung sorgen, statt auf den nächsten Kollaps zu warten».

Ich hatte natürlich gemeint, mein kritischer Schlussatz würde einen Beitrag dazu leisten, dass die Leute ihren Hintern hochbekämen. Aber was soll dieses mein indirektes Herum-Erziehen-Wollen?! Ich sollte das endlich lassen und stattdessen mit offenen Ohren in die Welt lauschen!

Nachdem ich für meinen Schlusssatz in die Pflicht genommen worden war, ging mir, leider spät und nicht ohne fremde Hilfe, ein Licht auf. Skeptisch und verzweifelt zu sein ist uncool, ist einfach nicht mehr drin. Ich nehme die kritische Korrektur von Herrn W. als Aufmunterung und gut gemeinte Mahnung und das habe ich ihm auch geschrieben. Ich bin ihm dankbar, dass er mich auf diesen schwachen Punkt meines Zeitschriftenbeitrags aufmerksam gemacht hat. Wie sehr jemand auch über den Wahnsinn der Gegenwart verzweifeln mag, er oder sie sollte trotz allem aufnahmebereit sein für die großen und neuen Dinge, die durch Menschen (heute sind es oft ganz junge Menschen) in die Welt kommen. Dieses Feld will ich weiter beackern und dabei jung bleiben oder es wieder werden.

Und wenn es mir nicht gelingen will, weil ich einen Rückfall erleide, bitte, Herr W., seien Sie streng und melden Sie sich wieder.

Vielen Dank und einen

herzlichen Gruß,