Mensch im Harnisch

Ein Harnisch ist die den Körper bedeckende Rüstung eines Ritters. Angefertigt wurden auch Pferdeharnische und Elefantenharnische, lese ich belustigt, denn plötzlich hatte ich einen solchen Spaß am Wort ‹Harnisch›, dass ich nachgucken wollte, was denn die genaue Bedeutung sei.

In Ausstellungen auf Ritterburgen gibt es solche Harnische zu bewundern. Hier in Kassel können wir im Bergpark in einer Dauerausstellung Rittergut bewundern. Einmal meldete sich eine Gruppe mit Schulkindern an. Die Erzieher und Erzieherinnen legten sich richtig ins Zeug, besorgten Fahrkarten für die Trambahn, reservierten eine Führung und verbanden das Ganze mit einem gelungenen Ausflug ins Grüne, ein Erlebnis, das die Kinder aus der Unterneustadt kaum oder gar nicht kannten.

Der Weg von der Tramhaltestelle durch den Bergpark zur Löwenburg gestaltete sich laut, lustig, aufgeregt, abenteuerlich. Manche Kinder schienen noch nie ein echt fließendes Bächlein gesehen zu haben, andere taten sich schwer, ihren Körper an die Steiheit der Wege anzupassen. Sie gingen wohl das erstemal auf einem mit Neigung versehenen Weg.

Der Führer, der für die Ausstellung engagiert war, wartete gutgelaunt am eichenen Eingangstor, riesige Holzteile mit großen gusseisernen Nägeln drin. Der Guide hatte ein leichtes Spiel, Kinder waren an Harnischen und anderen Ritterausrüstungen interessiert, und er hatte Spannendes zu erzählen und war pädagogisch für solche Führungen geschult. Als die Kinder angerannt kamen, verstand er es, sie für sich einzunehmen.

Schon im ersten Raum jedoch verschlug es ihm den Atem. Vorerst versuchte er die Aufmerksamkeit der Kinder zu  fokussieren. Das gelang ihm leicht, sie hingen an seinen Lippen. Er führte sie in die Stube und lenkte das Gespräch auf das abenteuerliche Leben der Ritterzeit. Ja, das waren kräftige Menschen, die Ritter, und mutige, erzählte er,als wär‘ er dabeigewesen. Und was die alles unternahmen, erzählte er weiter und fragte, um die intrinsische Motivation der kleinen Zuhörer anzutriggern, unvermittelt: «Na, und was meint ihr, was war denn so das Tagesgeschäft dieser Ritter, die ja noch keine Autos, kein Kino, keinen Fernsehen und nichts hatten?» Gute Frage – prompte Antwort, ein Junge rief voller Begeisterung: «Ficken!»

Heikel heikler am heikelsten. Wie reagiert der Pädagoge auf die davongaloppierende Gegenwart, die ihn urplötzlich ereilt? Der Guide reagierte falsch, weil er falschen Annahmen zum Opfer fiel. Er rechnete mit dem Schlimmsten, trat in ein Fettnäpfchen, ging an die Angel, die der Junge gar nicht ausgelegt hatte. Der Pädagoge stellte sie Dinge vor, die keinem der Kinder in den Sinn kamen. Und er ging auf die, wie er fand, Unmöglichkeit dieser Antwort ein und wollte etwas abwenden, das gar nicht der Abwendung bedurfte.

Ähnlich wie ich selber, als ich an einem Hang unterhalb der Löwenburg einst mit Emil unterwegs war. Er war ein kleiner, bewegungshungriger Junge und hatte das Fahrrad dabei und kam auf die Idee, von ganz oben den viel zu steilen Grashang hinunter zu fahren. Bekam schnell Tempo, konnte nicht mehr bremsen, mir ging alles viel zu schnell, konnte nicht einmal mehr rufen, sah wie er, immer schneller werdend, direkt auf einen Kiesgraben losraste, der ihn aus dem Sattel werfen und durch den Kies katapultieren würde. Sah, wie der kleine Radfahrer im Sattel blieb, den ganzen Hang abfuhr, schneller und schneller, wie er die Kontrolle zu verlieren drohte, gleich in den Graben donnern würde, hinten rauskatapultiert wurde, immer noch im Sattel war, über den flacher werdenden Kiesweg flitzte und allmählich, des Bremens wieder mächtig, elegant anhielt, als hätte er die Abfahrt genau so geplant gehabt. Und ich – statt zu applaudieren, rannte ich los, den Hang runter, fiel fast in den Graben, rannte weiter zum Kind und schrie es an, dass er so etwas NIE wieder tun dürfe. Und so weiter…

Da begann er zu weinen und wurde sich jäh des Wahnsinns bewusst, den er gerade so glimpflich hinter sich gebracht hatte. Ich schäme mich noch heute über meine unnötige Maßregelung.

Herzlich