Methode

Ich habe kürzlich an einem  Workshop teilgenommen, der über mehrere Tage ging. Vorerst habe ich über mich selbst gestaunt. Workshops gegenüber bin ich zurückhaltend. Umso erstaunlicher, dass ich diesmal teilnahm. Ein Workshop, der über mehrere Tage geht, muss methodisch durchdacht sein. Das wäre dann promt noch ein weiterer Grund der Zurückhaltung für mich. Nun, ich war also da und ließ mich von der Methode, die da angewandt wurde, aus dem Alltag entführen und machte mich auf den Weg zu Bereichen in mir selbst, die sonst im Dunklen geblieben wären. Über die Methode selbst will ich hier nichts weiter erklären. Würde ich dies tun, müsste ich den Menschen erwähnen, der diese Methode erfunden hat. Das wäre für mich eine weitere Schwierigkeit, denn ich kenne mich. Darin kenne ich mich: Ich ramentere schnell und gehe auf kritische Distanz, wenn ich von Menschen höre, die durch eine erfolgreiche Methode bekannt geworden sind. Meistens werden sie dadurch ja reich. Nicht selten kommt dann zur Methode noch die Methode dazu, diese Tatsache zu verschleiern. In den USA mag das anders sein, doch selbst da beobachte ich, wie Menschen, die beispielsweise durch die Methode, ihren Anhängern zu erklären, dass es im Leben nicht auf Erfolg und Besitz ankomme, berühmt und reich geworden sind, ohne diesen Widerspruch offenzulegen und ohne unter ihm zu leiden.

Ich habe vor langer Zeit an der Uni studiert. Ich merkte bald, dass mich nicht nur Autorinnen und Autoren ansprachen, die unmethodisch vorgingen, sondern auch die Dozierenden. Meine Sympathie galt den Chaoten oder Aphoristikern, den Gedankensprintern, die schon am Ziel waren, bevor man ihren Start mitbekommen hatte. Nietzsche als Autor, Paul Feyerabend als Dozent, das war die gute Mischung für mich. Diese lagen mir – oder Epiker wie Cervantes oder Wolfram von Eschenbach, auch Melville oder João Guimarães Rosa, die nach hunderten von Seiten immer noch Anlauf nahmen.

Methode? Für mich schwierig. Wie Kino, das ist für mich auch schwierig. Riecht nach Algoritmus, nach berechneter Wirkung. Das Schlimmste, was mir im Kino passieren kann, ist der Gebrauch von Taschentüchern. Meine Tränen gehören mir, nicht irgendeinem Team von Strategen.

Nach dem Workshop, er fand in der Alten Oper in Frankfurt statt, so viel gebe ich bekannt, war ich so berührt von der Methode, die ich kennengelernt und viele Stunden an mir selber und im stillen Austausch mit anderen Menschen durchgeführt habe, dass ich am Tag danach, also gestern, in Melancholie zu versinken drohte. Ich wollte gar nicht mehr zurückkommen aus den feinen Dingen, die ich erfahren durfte.

Ist doch eine gute Sache, so eine Methode, sage ich mir deshalb nun neuerdings. Und auch gut, dass sie gut verkauft wird, denn sonst hätte ich ja nichts von ihr mitbekommen.