Mord

An der Straßenecke blieben wir wie angewurzelt stehen. In der engen Quartierstraße dreißig Meter von uns entfernt versperrte ein Lastwagen den Weg. Neben ihm ein Kran mit einem orangefarben angezogenen Mann hoch oben auf einer schwankenden Stehplattform. Der Kran hatte schon seine vierte Schiene ausgefahren und ragte fast senkrecht in den Himmel. Der Mann entfernte in etwa 17 Metern Höhe mit einer Handsäge kerngesunde Astteile von einer kerngesunden kanadischen Fichte und ließ die jeweils von der Astspitze nach innen systematisch abgesägten Astteile Stück für Stück vorsichtig runtersegeln.

Der Duft, den die gehäckselten und in den Lastwagenhänger geblasenen, noch feuchten und eben – ich sags zum dritten Mal – kerngesunden Nadel-, Rinden- und Holzteilchen verströmten, drang bis zu uns. Wir standen noch immer wie angewurzelt an der Ecke, von wo aus wir eine Gesamtansicht dieser über zwanzig Meter hohen, vielleicht etwa 70 Jahre alten kanadischen Fichte in uns aufnahmen. Auf dem Rückweg vom Einkaufen haben wir in den letzten Jahren oft diesen Weg genommen, nur um des wunderschönen Anblicks dieses einmaligen Baumes angesichtig zu werden.

Eine Frau, stand mit ihrem 10-jährigen Bub auf der Ecke, wo wir angekommen waren, und schaute dem Geschehen.

«Wissen Sie, was da passiert? Fällen die den ganzen Baum? Ist er krank?»

«Nein, da ist ein neuer Mieter eingezogen. Er will den Baum weg haben aus Angst, dass wegen ihm einmal ein Fußgänger ausrutschen könnte. Ach, ich hoffe so, dass sie etwas Schönes als Ersatz hinpflanzen!»

«Ja, und darf der diesen gesunden, großen Baum einfach so fällen.»

«Wir wissen es nicht», sagte die Nachbarin des neuen Mieters,  «der Vorgänger wollte den Baum auch schon fällen, aber der durfte nicht. Wie das jetzt möglich war, wissen wir auch nicht. Wenn nur ein schöner Ersatz hinkommt!»

Sie liebten den Baum sehr. Kanadische Fichte, mitten in Kassel, ein alleinstehender, kerngesunder Baum, mit Ästen und einem Stamm, eine Freude. Bevor wir uns von der trotz ihres Schmerzes hoffnungsvoll nach vorne blickenden Frau und ihrem Bub, der immer nur nach oben schaute und den sägenden Mann im Visier behielt, sagte sie nochmals: «Ich hoffe einfach, dass sie einen schönen Ersatz für den Baum finden.»

Das finden die nie, dachte ich und schweifte mit meinen Augen auf dem Grundstück des neuen Mieters herum. Ich hätte ihn gerne irgendwo entdeckt, um ihm mitzuteilen, was dieser Anblick und das Loch, wo der Baum bisher stand, auf mich für einen Eindruck machten. Vielleicht wollte der Aufftraggeber für die Fällung an diesem Tag lieber nicht zu Hause sein, ich entdeckte jedenfalls niemanden. Stattdessen ein Schiff in der Einfahrt, einen fetten Grill auf der Terrassee, lauter Hinweise auf, ja auf was?

Selbstverständlich ist es eine große Kunst, ohne Groll von der Stelle zu gehen und denen, die aus wenig überzeugenden Gründen dieses großartige Lebewesen umbringen ließen, nichts Böses zu wünschen, beziehungsweise ihnen nicht böse zu sein. Ihr könnt mir das übel nehmen, aber ich möchte diese Kunst erlernen und irgendwann besitzen.

Ein schönes Wochenende mit hoffentlich schöneren Erlebnissen draußen,

herzlich