Müde

Heute sagte mir ein Verleger, er sei Jahrzehnte lang «zivilsationsmüde» gewesen. Jetzt, seit einem Jahr, seit die Menschheit mit Corona zu kämpfen habe, sei diese Müdigkeit von ihm gefallen.

Wie kommt es dazu, dass jemand zivilisationsmüde wird? Und dass dies bei ihm über Jahrzehnte unverändert so bleibt? Und dass er dabei als Verleger hunderte Bücher auf den Weg bringt? Inkonsuquentes Handeln? Typisches Dilemma? Ich weiß nicht, wie man zivilisationsmüde wird, wo genau diese Müdigkeit beginnt und wann sie als solche erfahrbar wird, doch was ich weiß, ist, dass ich das gleiche erlebt habe wie der Verleger. Deshalb hat es mich nicht erstaunt, dass sich beim Verleger an dieser Müdigkeit durch Corona etwas veränderte, denn die Zivilisationen ist seither tiefer als auf der Verstandesebene und tiefer noch als auf der Vernunftebene bewegt. Wenn genügend Bewegung zwischen uns Menschen und in unserem Denken ist, dann verfliegt diese Müdigkeit.

Das ist allerdings kein Anlass zur blinden Freude, denn wie die Müdigkeit weg ist, haben wir uns gemeinsam darum zu kümmern, dass uns das lebendig gewordene ‹Ding› nicht um die Ohren fliegt. Das meine ich nicht etwa buchstäblich, sondern handfest, beziehungsweise handgranatenfest, nein noch viel, viel fester, bombenfest sozusagen, atombombenfest.

Kann es sein, dass wir an die beinahe vergessenen 1950er-Jahre anknüpfen? Da war schon mal die Stimmung unter unseren Eltern und Großeltern, dass wir weltweit zusammenhalten müssen, damit uns nicht die im Kalten Krieg bis zum Irrsinn aufgerüstete Welt um die Ohren fliegt.

Die, die noch Anknüpfungspunkte finden, können daran anknüpfen. Der große Rest ist gut bedient, wenn er lauscht, nach innen und nach außen lauscht. Nicht downloaded und andere zutextet, das genau nicht, sondern lauscht, hinhört, nach dem Motto von Goethe: «Reden ist uns ein Bedürfnis, Zuhören ist eine Kunst.» Denn Kunst ist weit mehr als Bedürfnisbefriedigung.

Gutes Geschick bei dieser großartigen Kunst,

herzlich