Musiker drei

Im seinem ersten Film, Permanent Vacation, gedreht im Jahr 1980 in den USA, macht Jim Jarmusch dem Ton als einem dem Bild ebenbürtigen Phänomen alle Ehre. Die Bilder sind nachhaltig wirksam, zweifelsohne, doch diesen Film könnte man sich auch anhören, ich kann mir vorstellen, ihn mal nur zu hören und gar nicht auf die Bilder zu schauen, so eindrucksvoll ist der dauernde Hintergrundklang der Stadt New York in Jarmuschs Debütfilm.

Seit einiger Zeit erfüllt mich der Klang von Kirchenglocken in unserer Stadt mit einer ähnliche Ehrfurcht wie der über sich hinaus oder in sich hinein gewölbte Himmel über unseren Köpfen, Häusern, Städten, Landschaften, Kontinenten. Ich kann borniert darauf bestehen, dass ich nichts mit der Kirche am Hut habe und allein schon deshalb, egal was für Glocken gerade schlagen, nicht höre, was da gerade an meine Ohren dringt. Die Ohren sind ja trickreich. Zwar können sie sich nicht schließen wie die Augen, aber sie können eines sehr gut, nämlich bis zu einem so kompletten Grad weghören, dass eins zutiefst darunter leidet, nämlich meine Wahrnehmung der Welt.

Zur Zeit ist der Glockenklang aus der Stadt eine besondere Wahrnehmung der Welt. Die Glocken läuten mit einiger Sicherheit ein neues Zeitalter ein. Das wird noch etwas ganz anderes sein als das vielbeschworene, einmal bewiesene und ein andermal dementierte ‚Anthropozän‘. Ich kann, wenn ich diesem Klang lausche, etwas Geistiges wahrnehmen, das wiederum das eine Mal als Endzeitstimmung, das andere Mal als Aufbruch in eine neue Zeit beschrieben werden könnte.

Machs nicht so kompliziert, bereite Sonntags- oder eine gewisse Sabbathstimmung oder sonst irgendeine Gestimmtheit in deiner Seele und los gehts, ohne kirchliche Verengung, aber mit Ohrenweitung. Es ist eine Zeit, wie sie Jarmusch vor vierzig Jahren heraufbeschworen hat, eine Zeit, na, wie soll ich sie beschreiben? Nicht nur der Himmel hat eine Reinheit wie seit Jahrzehnten nicht mehr, auch die Klänge aus der Umgebung, manchmal auch der Klang im Lächeln einer auf dem Spaziergang an mir vorbeischleichenden Person, erinnert an längst Vergessenes, das ich schon lange nicht mehr für möglich gehalten habe.

Dass alle diese nicht freiwillig von Menschen gemachten Erscheinungen auch traurig stimmen, muss nicht eigens erwähnt werden, sie liegen auf der Hand – oder wie der berühmte Splitter aus dem Evangelium, im Auge. Oder, um beim Thema des Hörens zu bleiben, wie der Klang einer Kirchenglocke in Ohren, die mit Wachs gefüllt sind.