Musiker eins

Kürzlich war meine Tochter zu Besuch. Auf der Durchreise. Sie und ihr Lebenspartner sind vor einer Weile aus Österreich nach Deutschland ‚abgehauen‘, als in der Stadt, wo sie wohnen, vergleichsweise früh eine Ausgangssperre verhängt worden war. Jetzt, sieben Wochen später, wollen sie langsam wieder zurück. Dabei hat es für einen Zwischenhalt in Kassel gereicht.

Wir gehen am Nachmittag in den Bergpark. Der Frühling ist viel zu früh, Blumen, die sonst über die Strecke mehrerer Wochen hintereinander in die Blüte kommen, blühen in diesem Jahr alle gleichzeitig. Rhododendron in allen Farben. Wir spazieren am Lac unterhalb des Schlosses und sehen in einiger Entfernung eine kleine Menschenansammlung. Beim Näherkommen entdecken wir eine Entenmama mit dreizehn Babies um sie herum. Die Leute bücken sich mit ihren Handys und fotografieren. Die Tochter zückt ebenfalls das Smartphone (ich nicht, ich habe keins) und knipst ebenfalls diese schiere Menge kleiner Entchen. Da entdeckt sie, dass vor fünf Minuten jemand geschrieben hat. „Mist“, stößt sie aus, „ich habe seit zehn Minuten Unterricht!“

Am Tag zuvor hatte sie auch schon Unterricht. Im Gästezimmer im Untergeschoß hörte ich sie engagiert vor dem Laptop rufen und musizieren. Fünf Schüler hintereinander in vier Stunden nonstop. Die Schüler sind alle irgendwo in Österreich. Am Abend dann nochmals Cellotöne aus dem unteren Stockwerk, diesmal eine zusammenhängende Musik. Als die Tochter wieder hochkommt, grinst sie. „Ich habe eben bei einer Oper mitgespielt“, sagt sie, „die erste Corona-Oper. Sie wird morgen gesendet.“

Schöne neue Welt. Wer hat schon mal die Uraufführung einer Oper in seinen eigenen vier Wänden gehört? Da ist der digitale Unterricht mit braven Schülern irgendwo im Ausland ja schon ein alter Klassiker.

Wir reden dann auch über die Geldausfälle, die die Freelandser in der Kunst selbstverständlich zuallererst und mit ungebremster Wucht treffen. Ja, schon, sagt die Celiistin auf Achse, es gibt viele Ausfälle. Aber es gibt auch Wunder. Plötzlich zahlen ältere Schülerinnen, die durch Erbschaften oder gute Heiraten finanziell breit abgestützt sind, mehr für die Stunde als abgemacht. Einfach so.

Na ja, ganz einfach so nicht. Solltest du Künstlerin oder Künstler sein, dann beachte Folgendes: Fragt eine betuchte Dame: „Sag, hast Du auch Ausfälle durch die Pandemie?“ Antwortet die Künstlerin: „Ja, das kannst Du Dir ja vielleicht vorstellen, selbstverständlich.“ – „Gell, Du sagst, wenn Du Hilfe brauchst!“ – „Nein, das würde ich nicht tun.“ Das ist souverän, sage ich, denn ich kenne die andere Variante, nämlich die typische Künstler-Tiefstapler-Selbstvernichtungs-Variante. Sie lautet: „Ja, weißt du, das geht schon irgendwie.“ Oder: „Nein nein, ist schon ok, ging bisher ja auch immer.“ Solche Antworten sind unverantwortlich. Auf solche Antworten, die sich doch eigentlich niemand in der Szene leisten kann und auf keinen Fall leisten sollte, kommt keine Hilfe, im Gegenteil, du vertreibst sie. Hingegen eine Antwort wie „Nein, das würde ich nicht tun“ transportierte den Künstlerinnenstolz auf eine so ehrliche und nachvollziehbare Weise, dass die Empfängerin dieser Botschaft ins Selbstdenken kam und keinen Moment länger wartete, sondern sofort eine Überweisung tätigte.

Solche Sachen passieren seit Corona. Sie rühren mich, auch wenn sie mir die Sorge um meine in analoger Kunstausübung geschulten Kinder nicht zu nehmen vermögen.