Musiker vier

«Es war einmal ein Musikus, der spielte im Kaffee – und sang von Freud‘ und Weh.»

Mit diesem Spruch bin ich aufgewachsen. Vielleicht deshalb, weil mir nicht viel aus meiner Jugend und Schulzeit in Erinnerung geblieben ist, vielleicht aber auch wegen seines melancholischen Grundtons ist er mir immer lieb gewesen. Er ist nicht nur melancholisch, er zeigt auch das Selbstverständnis des nicht von Agenturen und Verkaufserfolg vereinnahmten Künstlers, des Straßenmusikers, der alles herschenkt. Die Leute, die ihn hören, denken dann meist fälschlicherweise, das sei halt sein einfaches Gemüt, man müsse ihn singen lassen, dann sei er glücklich. Die Amsel ist auch glücklich, wenn sie uns ihr Lied von den Dächern singt. Wer denkt schon an Entlohnung. Man soll dem Kind auch keine Süßigkeiten zustecken, wenn es etwas Gutes aus sich heraus getan hat.

Der geliebte Spruch hat, seit die Konzerthäuser zu und alle Musiker und Musikerinnen, die bisher recht und schlecht von der Musik lebten, dem Hungertod ausgesetzt sind, einen ganz anderen Ton erhalten. Während Melancholie durchaus noch auf dem Feld der Kreativität zu Hause ist, fällt der neue Ton, den der im Kaffe von Leid und Weh singende Musikus in meiner Seele auslöst, aus dem Rahmen, komplett und bestürzend aus dem Rahmen. 

Der Musikus unterschied, so offenbart es uns seine Kulturgeschichte durch die Jahrhunderte, nie zwischen primären und sekundären Bedürfnissen. Er war ein Geschöpf Gottes und sang. In diesem Tun waren diese beiden Bedürfniswelten zusammen. Wenn er nun nicht mehr im Kaffee erscheint und singt, weil ersten die Kaffees geschlossen und zweitens die Menschen alle mit ganz anderen Dinge beschäftigt sind als mit dem Verleihen ihrer Ohren, dann ist der Musikus nicht in seinen sekundären Bedürfnissen beschnitten, sondern bei ihm ist nichts mehr.

Entweder hat er Galgenhumor und singt, bis ihm die Gurgel vertrocknet ist, oder er rennt wie ein Huhn, dem der Kopf abgeschnitten wurde, wirr in der Gegend herum um verschafft sich auf irrwitzige Art Gehör, indem er was weiß ich welche Kanäle bedient – oder er hat zu diesen beiden Lebensformen keine Beziehung und verstummt sofort.