Musiker zwei

Die Musikhochschulen sind geschlossen, das heißt, es gibt keinen analogen Unterricht, überhaupt kein analoges Leben. Einer der Söhne war unlängst zu Besuch, nicht auf der Durchreise, sondern auf der Heimreise. Sein Professor sei sehr fit und auch auf den digitalen Plattformen so empathisch und geistesgegenwärtig wie im Unterricht, wenn sie sich in Wirklichkeit in einem Raum gegenüber – oder eher beieinander – sitzen und zusammen an Stücken arbeiten.

Er hat schon wieder große Sehnsucht nach echtem Unterricht, wie er sagt. Ich freue mich, dass er diese Unterscheidung macht: echter Unterricht ist Begegnung, physische, seelische und geistige Begegnung mit einem Menschen, der ihm als Lehrer überlegen ist, die Überlegenheit aber nicht ausspielt, sondern spielerisch in Anschlag bringt und damit gemeinsam mit dem Schüler aus dem Nichts etwas Neues schafft, das er vorher selbst nicht kannte, das sich aber aus der Genese der gemeinsamen Bemühung im Raum ergibt und gestaltet und als etwas Neues erlebt wird. Danach hat der Student Sehnsucht und das bezeichnet er als echt.

Und was ich ebenfall gern hörte, wobei ich im ersten Moment nicht so ganz meinen Ohren trauen wollte, es sei so, dass auch seine Kolleginnen und Kollegen an der Musikhochschule dem Tag entgegenfieberten, wo wieder normaler Unterricht stattfinde – sie hätten alle die Ersatzmöglichkeiten vor dem Bildschirm satt. Diese Art Unterricht wird also (noch?) nicht als so echt, noch nicht als so lebendig und lebensnah erlebt wie der Begegnungsunterricht.

Nun, alles, was wirklich interessant ist, hat mehr als eine Seite. So erzählt Musiker zwei, dass er in den letzten Wochen ein sehr schweres Stück auf der Gitarre gelernt habe. Bei dieser zeitgenössischen Komposition seien drei Gitarrenseiten anders, ganz anders gestimmt, man könne sich nirgends auf seine Erfahrungen und Instinkte beim Spielen und auch nicht beim Entziffern des Stückes verlassen. Er meinte, unter normalen Bedingungen hätte er das Stück, das fast eine halbe Stunde dauert, nicht geknackt. Jetzt spielte er es mir vor und mir ging das Herz vor Freude über, dass er es tatsächlich geschafft hatte, ein umwerfendes Hörerlebnis.

Eins ist die Frage nach dem Woher und nach dem Sinn und vielleicht auch nach den Hinterhalten dieser Sache mit der Pandemie. Das andere ist die Tatsache, dass sie unser Leben beeinflusst. Einmal durch Vorenthaltungen – kein echter Unterricht, dann durch die Freude, plötzlich Sachen (spielen) zu können, die sonst vielleicht noch Jahre oder Ewigkeiten darauf gewartet hätten, gespielt zu werden.