Nazuna

Eine Nazuna ist in Japan ein Blümlein, vergleichbar mit unserem Gänseblümchen. Nun kenne ich ein berühmtes japanisches Haiku von Basho, das der Wahrnehmung der Nazuna gilt. Gibt es ein vergleichbares Gedicht über Gänseblümchen? Rosen ja, Veilchen vielleicht auch noch, Lilie, klar, aber hat schon mal jemand auf die Gänseblümchen so geschaut wie Basho damals auf die unscheinbare Nazuna in der Hecke? Mir kommt nichts in den Sinn.

Doch, eins kommt mir in den Sinn, allerdings in Schanfigger Dialekt. Das Schanfigg ist ein langgestrecktes Walsertal im Schweizer Kanton Graubünden. Dereinst sollen Schanfigger Männer aus dem Tal weg- und in die Fremdenlegion gegangen sein. Da sei einer in der Fremde auf eine Wiese gekommen und habe auf ihr Gänseblümchen entdeckt. Im Schanfigg heißen sie Glinzali, weil ihre weiß umrandeten Äuglein glänzen wie kleine Sonnentupfer im Schnee. Da habe der Fremdenlegionär gesagt ‚luah do, Glinzali wia uf Parweig und sii hiighiit und gschtorba‘, schau Gänseblümchen wie auf meinem Heimathof Parweig, sei hingefallen und gestorben.

Die ästhetische Erfahrung des Soldaten war eine andere als die des japanischen Wanderers, Mönchs und Haikudichters Basho aus dem 17. Jahrhundert. Deshalb und überhaupt nahm sie ein anderes Ende. Das eine Erlebis endete mit dem Tod, das andere mit einer Erweiterung der Erfahrung, beide Begegnungen mit einem solchen kleinen Blümchen sind erstaunlich und wenig haptisch.

Ich stand eben auf einer kleinen Wiese und schaute auf ein Meer von Gänseblümchen. Dies tat ich heute am gleichen Flecken schon öfters und wusste deshalb am Abend, also jetzt, wo ich es festhalte, dass sie sich mit ihren kleinen Sonnentellerchen im Laufe des Tages mit Blick zur Sonne langsam von Osten nach Westen bewegt haben. Das ist eine bekannte Tatsache, aber ich habe sie heute so intensiv erlebt, dass diese Gänseblümchen, Tausendschön, Sonnentürchen, Marienblümchen oder Margritli oder eben Glinzali, darauf reagierten. Als ein feiner Tusch von einem Hauch von Abendwind durch sie hindurchging, schüttelten sie sich zart wie ein Starenschwarm am Himmel, wie ein kleines Tierchen, das sich trockenschüttelt. Mir schien, sie hätten es mir zuliebe getan.

Bin ich im Zustand multipler Trance? Einer wilden Mischung aus philosophischen Gedanken und ästhetisch überhöhten Empfindungen, die wie Blitzableiter meiner Wahrnehmung einen kleinen Gänseblümchenorkan auslösten. Bin ich nicht nur in einem morphologischen Feld, wo derlei Zustände die Regel sind, sondern bin ich selber schon dieses Feld? – Die Erschütterungen in der Welt schlagen sich inzwischen schon beim Anblick eines Gänseblümchens nieder.